Dezember
Ein Kind unserer Zeit
Fortuna vitrea est, tum cum splendit, frangitur.
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Für mich lässt Horváth seine Figuren zu solchen ihnen ja überhaupt nicht habhaften Nachplappereien greifen, wenn sie nicht mehr weiter wissen, weil er zeigen will, dass schon zu seiner Zeit der Kapitalismus daran interessiert war, seine Arbeiter nachplappernd philosophieren und damit nicht handeln zu lassen. Das war und ist ungefährlich für den Kapitalismus!
Horváths Figuren kommen vornehmlich aus dem unteren Kleinbürgertum, deshalb haben sie ein großes Reservoir an zwar unreflektierten, aber funktionierenden Möglichkeiten der Äußerung und teilweise Veräußerung dieser Äußerungen, die zwar eine ungeprüfte, aber doch eine Verständigung ergeben.
In der Welt der Werktätigen von heute gibt es diese Tradition des Kleinbürgertums nicht und also nicht die Sprache aus Floskeln,
Verhaltensregeln, Höflichkeitsformeln, Sprichwörtern und verbalisierten Notständen. Der äußerliche Prozess der totalen Entfremdung wird durch diese Tradition, die das Kleinbürgertum Horváths der Stummheit
der heutigen Fließbandarbeiter voraus hat, immer wieder aufgehalten; wie weit er innerlich auch fortgeschritten sein mag.
Der Schein kann gewahrt bleiben.
Franz Xaver Groetz
Interviewauszug Karl Wozek
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Aus „Ein Kind unserer Zeit“
„Es gibt keine Gerechtigkeit, das hab ich jetzt schon heraus. Daran können auch unsere Führer nichts ändern, selbst wenn sie auf außenpolitischem Gebiet noch so genial operieren. Der Mensch ist eben nur ein Tier, und auch die Führer sind nur Tiere, wenn auch mit Spezialbegabungen.
Warum bin ich nicht so begabt?
Warum bin ich kein Führer?
Wer bestimmt da mit einem Menschen?
Wer sagt zu dem einen: Du wirst ein Führer.
Zum anderen: Du wirst ein Untermensch.
Zum dritten: du wirst eine dürre, stellungslose Verkäuferin.
Zum vierten: Du wirst ein Kellner.
Zum fünften: Du wirst ein Schweinskopf.
Zum sechsten: Du wirst die Witwe eines Hauptmanns.
Zum siebten: Gib mir deinen Arm – Wer ist das, der da zu befehlen hat?!
Das kann kein lieber Gott sein, denn die Verteilung ist zu gemein. Wenn ich der liebe Gott wäre, würd ich alle Menschen gleich machen. Einen wie den anderen – gleiche Rechte, gleiche Pflichten! Aber so ist die Welt ein Saustall.
Mit dem Roman, der von den Nazis verboten wurde, übte Horváth offensichtliche, heftige Kritik am Deutschland unter Adolf Hitler – und das obwohl mit keinem Wort der Ort der Handlung verraten wird. Hintergrund für das Schreiben von Ein Kind unserer Zeit waren die Besetzung des Rheinlandes und die Unterstützung Francos im Spanischen Bürgerkrieg durch Truppeneinheiten Hitlers. Horváth will über die Gefahr und Verbrechen des Nationalsozialismus aufklären; warnen, nicht blind den hohlen Sprüchen und Phrasen zu folgen und gewissenhaft zu handeln. Zudem lässt er sehr gelungen die negative Stimmung der Zeit spüren und zeigt ihre Konsequenzen. Das wiederholte Motiv des Kälterwerdens steht dabei für die gesellschaftlichen Zustände.
„Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Ich hab mit meinem Vater nichts mehr zu tun. Ich kann es nicht ausstehen, das ewige Geweine: Vor dem Krieg, das war eine schöne Zeit! – Mir hätt sie nicht gefallen, diese schöne Zeit! Es war eine verfaulte Zeit. Ich hasse sie. Jeder konnte arbeiten, verdienen, niemand musste hungern, keiner hatte Sorgen – Eine widerliche Zeit! Ich hasse das bequeme Leben! Vorwärts! Marsch! Nichts hält uns zurück! Kein Acker, kein Zaun, kein Strauch – Wir treten es nieder! Marsch – marsch! Und der Krieg, der morgen kommen wird, wird ganz anders werden als dieser sogenannte Weltkrieg! Viel größer, gewaltiger, brutaler – ein Vernichtungskrieg, so oder so! Ich oder du!“
Liebe deine Feinde, aber hasse den Irrtum.
„Wir müssen rentabel bleiben, auch der geschäftliche Konkurrenzkampf ist nur ein Krieg, wo der einzelne keine Rolle mehr spielt.“
„Schau nur, schau! Es sitzt ein Schneemann auf der Bank, er ist ein Soldat. Und du, du wirst größer werden und wirst den Soldaten nicht vergessen. Denn er gab seinen Arm für einen Dreck. Und wenn du ganz groß sein wirst, und deine Kinder werden dir sagen: dieser Soldat war ja ein gemeiner Mörder – dann schimpf nicht auch auf mich. Bedenk es doch: er wußt sich nicht anders zu helfen, er war eben ein Kind seiner Zeit.“
