März
Wie ich mit zwölf Millionen Euro den Kapitalismus rette (WIM)
von Johannes Schrettle
Denn das Theater muss schließlich im Staatsauftrag die Illusion aufrechterhalten, dass die Verhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft sich kaum geändert haben. (Diedrich Diederichsen)
DRAMATURGIE: wir sollten schon an die ZIELGRUPPE denken! und was verhandeln, was für alle bedeutung hat, was wirklich alle verbindet. also nicht über theater sprechen. was uns wirklich alle verbindet, ist doch: das geld.
Da muss man genauer hinschauen. Prekär Beschäftigte oder Arbeitslose spielen eher sporadisch, aber dann mit relativ hohem Einsatz. Sie setzen relativ am meisten Geld fürs Lotto ein.
Ein Track des Soundtracks
jeder der drei Straßenmusiker hatte 500 USDollar in einen Spieltopf geworfen, und wer er am Ende des Tages am meisten Spenden bekommen hatte, sollte diesen (für diese Leute symbolischen) Preis erhalten. „Für die ist eine Gewinnsumme von 1.500 Dollar zwar Kleingeld, aber sie waren trotzdem sehr ambitioniert, weil sie ja Geschäftsleute sind und andauernd im Wettbewerb stehen. Das ganze war natürlich sehr lächerlich, weil niemand von ihnen Musiker war!“ Gewonnen hat der Bankdirektor einer der größten Banken Russlands.
“Nur mit mehr Bildung kann es uns gelingen, ein Wegbrechen der Mittelschicht zu verhindern.“ IWH-Chef Blum
Eine «Brasilianisierung des Westens» befürchtet der Soziologe Ulrich Beck und meint damit den Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen vom gesicherten Erwerbsleben auch in Europa. Es drohten Lebenslagen, in denen die Betroffenen mehrere Jobs gleichzeitig ausüben müssten und dennoch nicht über die Runden kämen. Die Stabilität der gesellschaftlichen Mitte, «eine zentrale Voraussetzung für eine stabile Demokratie», stehe auf dem Spiel.
ein junger mann möchte das glück herausfordern und sich einer gemeinschaft anschließen. er ist bereits mitglied mehrerer gemeinschaften und gruppierungen und dann schließt er sich einer TIPPGEMEINSCHAFT an, die computergeneriert lottotipps abgibt, in mehreren ländern verteilt, das risiko verteilt sich auf viele verschiedene schultern. so hat er eine große chance auf den sieg und muss nur 20 euro monatlich zahlen. er bekommt jede woche eine e-mail wo die zahlen drauf stehen, die für ihn getippt worden sind, und er weiß, dass in ganz europa viele andere menschen sitzen, die auf die selben zahlen schauen und die gleiche hoffnung haben, wenn sie sich dann die ZIEHUNG anschauen. und monat für monat wartet der junge mann auf die ziehung. gemeinsam mit anderen. nach vielen monaten, in denen der junge mann nichts gewonnen hat, sitzt er wieder vor dem fernseher.
der junge mann in der tippgemeinschaft hat einmal einen sechser gehabt. und dann hat er gemerkt, dass die gemeinschaft so groß war, dass ihm nur 36 euro geblieben sind. er hat das geld genommen und niemandem davon erzählt. es ist auch immer die frage, wie groß die gemeinschaft werden soll, damit es sich für den einzelnen auszahlt.
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Auszug aus dem eingereichten Konzept von Johannes Schrettle für die Werktage 09/10, eingelangt am 10.6.2009:
”...WIM ist eine Revue ohne Musik, es ist ein Abend über die große Angst vor dem großen Geld. Menschen, deren Eltern Lehrer sind, und die nicht wissen, wie sie über Geld sprechen können mit ihren Freunden. eine Revue über einen Lottogewinn, der das fragile Gleichgewicht von Bürgerkindern um die Dreißig durcheinander bringt und schlussendlich zu einer Tragödie führt. Mit dem Irrealen (dem Geld) bricht das Reale (Lüge, Intrige, Eifersucht, Paranoia) in die Idylle der letzten Vertreter einer angegrauten Mittelschicht ein.
die Bereitstellung öffentlicher Infrastruktur kam und kommt häufig gerade der Mittelschicht zugute. Man denke hier nur an Theater!
Petra (50) und Achim B. (46) aus Norddeutschland knackten den Jackpot, gewannen 7,9 Millionen im Lotto. Das ist 14 Jahre her. Heute hat das Ehepaar wieder Schulden. In der großen BILD-Serie schreibt die Lotto-Gewinnerin, wie das große Glück kam – und wie sie die Millionen verloren. Ein traurige Geschichte über Geld und Gier, Träume und Tränen.
