Es ist, als wären die klugen Mächte gezwungen, die dunklen Lüste und Begierden mitzuschleppen, deren Wohnung auch der Mensch ist.
Stanislav Lem
Versuch über Christian Suchy
Von Gernot Plass
Christian Suchy beherrscht.
Ist Suchy im Raum, beherrscht er den Raum.
Beherrscht er den Raum nicht, ist Suchy nicht im Raum.
Ist Suchy im Gespräch, beherrscht er das Gespräch.
Beherrscht er das Gespräch nicht, nimmt er am Gespräch nicht teil.
Ist Suchy bei seiner Arbeit, beherrscht er sie.
Würde er seine Arbeit nicht beherrschen, würde er sie nicht machen.
Suchy aber beherrscht.
Er beherrscht das seine: Das suchy´sche Handwerk.
Er hat in seinem Handwerk längst meisterliches Niveau erreicht.
Was macht Meister Suchy?
Er legt Hand an den Schauspielerkörper. Er formt, er modelliert und knetet aus diesem einen zweiten urwüchsigen, erd-verwachsenen Adam.
Wie macht er das?
Der Anatom Suchy hat ein Übungs-Propädeutikum entwickelt, welches jeder Schauspielerkörper durchlaufen muss, in dem – so scheint es – alle nur erdenklichen Physiotherapien dieser Welt enthalten sind, und in dessen Verlauf der große Chiropraktiker Suchy sämtliche Muskelgruppen an dem ihm zugewiesenem Material aufwärmt, dehnt und kräftigt.
Ist der Schauspieler-Körper solchermaßen aufbereitet, zieht der Hebammenkünstler Suchy aus diesem etwas auf die Welt, dem er verschmitzt den Namen „Personage“ gibt. Eine Bezeichnung die andeutungsweise an Frisiercreme erinnert und die dem Friseurssohn Suchy weich von den Lippen tropft, weil er weiß, dass der darin verwendete Begriff „Person“ dehn- und formbar, sprich: frisierbar ist. Der auffrisierende Mechaniker Suchy fertigt eine „Personage“ ein Wesen, das durch den verwandelten Schauspielerkörper tönt und röhrt; sich gedrungen und verbogen durch den Raum bewegt, um dann, gerade eben auf den Beinen, vom Volksschulpädagogen Suchy angehalten, mit der Hausaufgabe betraut wird, Urlaute, Urworte und Ursätze aus seinen Tiefen auszuspeien, und das so Erbrochene wiederholbar sich zu merken. Müßig zu erwähnen, dass dieses evolutionäre Verfahren das Ursprungs-Material spektakulär verwandelt.
In diesem Moment wird zauberhaft klar, dass derselbe Körper, hätte er nur andere Abzweigungen in seiner Sozialisation genommen, zu eben diesen Wesen hätte werden können. Während die etwas langweiligere Alltagspersönlichkeit ein ähnlich flüchtiges Konstrukt, ein ähnlich gewolltes Haarteil aus dem Suchy´schen Frisiersalon sein könnte, wie dieser Artefakt. Dies weiß der Friseur und Plastiker Suchy, verbreitet sich aber dennoch jedes Mal im Erstauntsein und tut so, als wäre er am siebten Tage seiner Schöpfung überrascht vom eignen Werk.
Der große Verwandler, der Illusionist, der alchemistische Doktor Suchy schafft somit Figuren, die selbst Angehörigen der Ausgangskörper fremd erscheinen. Dem nicht genug: Er lässt sie aufeinanderprallen um – jetzt ganz Forscher und Empiriker – zu beobachten, was ihnen als nächstes widerfährt. Explodiert selbige Versuchsanordnung kann sich der Trautmannsdorfer Lausbub Suchy amüsieren wie ein König, der weiß, dass er sein Reich beherrscht.
Christian Suchy inszeniert „Iaxnbruad“
Gesegnet, gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will leben. Wehe!
Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra
„Iaxn“ ist eine althergebrachte und dramatisch vom Aussterben bedrohte, innerösterreichische Bezeichnung für den, sich zu einer kleinen Höhle ausformenden, spitzwinkeligen Zusammenlauf zweier Äste, Arme oder Verstrebungen und lässt sich laienhaft, lässig mit dem uns geläufigen Wort „Achsel“ wiedergeben.
Googelt man „iaxen“, so fragt der Suchmechanismus eifrig „meinten sie: faxen?“ und bevor man noch die Assoziation „Faxen machen“ anstellt, die ihrerseits wiederum in das Theater hineinführt, beeilt sich die algorhythmisch rauchende Maschine einige chinesische Websites vorzuschlagen, auf denen sich, die ins lateinische Alphabet übersetzten Zeichen zufällig zu den beiden Silben „iax“ und „xen“ zusammenfügen.
Also lässt man von der Suchmaschine ab und wendet sich mit niedergeschlagenen Augen der Suchy-Maschine zu, die aus ihrem reichhaltigen Erfahrungs- und Wissensspeichern folgendes hervorbringt:
Also: bei uns in Niederösterreich und im Burgenland ist die Iaxenbruad ein Trieb auf einem Weinstock, der mit zwei Wochen Verspätung aus dem Stock herauswächst, an einer Stelle – der Achsel, also der Iaxen – an der auch die Zweige herauswachsen. Sie schädigt einerseits den Stock und wenn sie bei der Lese abgeschnitten und vermischt wird, dann kann einem das den ganzen Wein „zaumhaun“, weil er dann sauer und grauslich schmeckt.
Die Brut aus der „Iaxn“: Das ist, dem zufolge alles, was in diesem dunklen, gewiss auch feuchten Heterotop sich seinen Weg bricht und alles, was da ausgebrütet und genährt wird. Die „Frucht der Achsel“ oder auch „Abkunft aus dem Winkel“ „Eck-Geburt, „Höhlenblüte“, „Dunkeltrieb“. Wortschöpfungen, die die leichte Verzweiflung eines Übersetzers wieder geben, der eine urförmig-dichte sprachliche Substanz, die in einem semantischen System alles und ein bisschen mehr sagt, übertragen möchte in die flacheren Regionen des Expliziten.
Volkssprache, Mundart, Dialekt. Das ist der Nährsaft des immer auf das Abseitige und Anstößige zielenden suchy´schen Theaters.
Mit unbeirrbare Beharrlichkeit schmeckt der Sommelier Suchy diesen authentischen Trieben nach, so konsequent, dass er längst sich jeden Schluck von Hochsprache verbietet, ja selbst in seinen raren Textsorten (meist in SMS-Form) sich nur in lautgemalter Syntax vermittelt.
Suchy-Theater ist Iaxenbruad und „Iaxenbruad“ logischer- und organischerweise seine wohl treffendste Bezeichnung.
Der Brückenschlag zum Wein und zum Lukullischen liegt natürlich (oder organisch?) nahe bei Winzer Suchy, dem Rebstockpfleger, der ja seiner äußerlichen Erscheinung wegen – ganz Muskelberg, herrliche Bauchrundung, zopfgezähmtes Langhaar, Kinnbart – ein Abbild des Weingottes Bacchus selbst ist. Der Fruchtheger und Saftpresser Suchy interessiert sich ganz offensichtlich für den Saft der Achsel, den er in seinen geheimnisvollen Kolben destilliert und in dunklen Fässern zu einem Elixier der anderen Art veredelt.
Das Suchy-Theater ist Ur-Schauspiel im besten Sinne. Also Theater, das bevor es auf Kothurnen kletterte und durch Masken tönte, schon Theater war: Einer stellt sich vor die andren, wölbt den Bauch, macht große Augen und atmet lauthals aus. Worauf die anderen ihn wiedererkennen. So einfach kann es sein: A Theata!
Das Wort „Kunst“ nimmt Suchy nur in den Mund, wenn er den Konjunktiv von „können“ in der 2. Person dekliniert: Kunst!
„Wannst´as kunst, kannst´as a“
Das Suchy Theater ist immer sinnlich, haptisch. Daher auch seine grandiosen Ausflüge in das Theater des Objekts. Suchys zweite große Liebe. Man muss schon gesehen haben, wie Suchy kleine Cocktail-Tomaten mit Kartoffelpressen und Käsereiben traktiert, um zu erfahren, was selbst Shakespeare in seinem dunkelsten- dem „schottischen“ Stück nicht zu denken wagte.
Folgt man der nietzscheanischen Theorie von der Geburt der Tragödie aus den beiden Kunstkräften des Appolinischen und des Dionysischen, so ist völlig klar auf welcher Seite Christian Suchy steht. Suchy ist Dyonisiker reinsten Weins. Suchy ist nicht logisch. Suchy ist organisch.
Suchy dirigiert. Ist musikalisch. Suchy ist rhythmisch.
Der Musikant und der Fast-Burgenländer Suchy, der im sogenannten „Haydn-Jahr“ den Jubilar zärtlich mit dem Präfix “Papa“ tituliert, intime Geschichten über diesen in solch unmittelbarer Vertrautheit hervorbringt, dass man meinen könnte, er spräche tatsächlich vom familiären Mittagstisch.
Wenn dieser Melodienwisser Suchy, selbst der Drittteil des berühmten und wahrscheinlich auch berüchtigten „Suchy-Drios“, einem blutverwandten Terzett, das durch den Suchy-Vater und Suchy-Bruder komplettiert, Volksmusik im suchy´schen Stil produziert und allenthalben aufspielt – wenn dieser Tonkünstler Suchy mit sonorem Basston sein „Decrescendo“ in eine ernst arbeitende Trainingsgruppe ausatmet, so weis man: Suchy beherrscht sein Instrument.
Wenn das heilige Theater eine Welt schafft, in der das Gebet mehr Wirklichkeit hat als ein Rülpser, so gilt im derben Theater gerade das Gegenteil.
Peter Brook, der leere Raum
Heiliges ist Suchys Sache nicht, obwohl der tiger-balsamierte Meister stets den Wohlgeruch ost-asiatischer Verinnerlichung verbreitet, unterläuft er diesen olfaktorischen Eindruck mit der Angewohnheit des Kettenrauchens. Der Sauger Suchy erdet sich mit Sucht und wird so für sein Umfeld wiederum erreichbarer. Dem gleichen dient auch seine fundierte Kaffeeröster-Expertise, die er immer leicht grinsend, genießerisch und quasi nebenbei absondert. Der große Aufkocher Suchy hält es selbstredend auch mit dem Geschichten-Wissen und –Erzählen, sodass der Kopf nach Suchy-Proben nicht alleine durch das verschwenderisch gereichte Koffein sich läutert.
Folgt man der leicht besserwisserischen brookschen Einteilung des Feldes in heiliges, derbes, unmittelbares, und tödliches Theater, so ist auch klar in welchem Segment man Suchy finden wird: Im Derben mit offensiven Zug ins Unmittelbare.
Bewegungen auf Feldern interessieren den großen Fußballexegeten Suchy, denn Suchy steht nicht. Ist nicht statisch. Suchy ist dynamisch.
Die bürgerlichen Felder des Theaters meidet der „Post 68er“ (O-Ton!) Suchy und ist von deren betrieblich eingefahrenen Gewohnheiten und Zwängen abgestoßen. Ist Suchy „im Betrieb“ unterläuft er diesen, schlägt Hacken, distanziert sich sprachgewandt, verteilt die Bälle in die andere Richtung, entlarvt Worte wie „Generalprobe“ treffsicher als Bellizismus, in der größenwahnsinnigen Absicht sie für immer aus dem allgemeinen Umgangswörterbuch des praktischen Theaterbetriebes zu streichen, ohne allerdings auf das Abhalten der so falsch bezeichnete Probe zu verzichten
Die General-Probe findet auch im Suchy-Kosmos statt: Nicht aber, wie sonst üblich am Ende einer Probenzeit, sondern zu deren Beginn. Nicht am Vorabend der Premiere, sondern am ersten Probentag an dem „General Suchy“ die Pflöcke in die noch weiße Landkarte des zu beschreitenden Feldes schlägt und – ganz Stratege, ganz Spielmacher– die Richtung weist.
Die suchy´sche Welt ist auf sympathische Weise auch hier eine Verkehrte und:
er beherrscht sie.
Das Vatermutterwesen Suchy brachte „das Iaxenbruad“ an das TAG, weil das TAG es wollte. Er selbst sah, dass es gut war und ruhte nach vollbrachtem Werk.
