FORM UND GEHALT
„Der Process“ gilt als Kafkas Hauptwerk, mit Sicherheit ist es sein weltweit bekanntestes, meistzitiertes Werk. Auch der modische begriff ›kafkaesk‹ wird am häufigsten im Zusammenhang mit Situationen verwendet, die den Erlebnissen des Angeklagten Josef K. ähneln: die Erfahrung einer absurden, lebensfeindlichen und sich verselbständigenden Bürokratie.
Die unvermindert anhaltende Wirkung des Romans resultiert wohl vor allem daraus, dass Kafka hier eine bezwingende Verschmelzung von Form und Inhalt gelang. Geschildert wird der Versuch eines Mannes, ein völlig rätselhaftes Ereignis, die eigene Verhaftung, zu bewältigen und aufzuklären. Doch Kafka gibt darüber niemals mehr Preis als das, was auch der Angeklagte erfährt. Dadurch wird der Leser in dessen Perspektive hineingenötigt, es entsteht eine Sogwirkung, ähnlich einem Kriminalroman: Auch der Leser des „Process“ fiebert einer Erklärung, einer Auflösung entgegen.
Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass die Grenzen des Verstehens selbst wiederum zum expliziten Thema des Romans werden. Im Kapitel ›Im Dom‹ wird vorgeführt, wie ein scheinbar einfacher Text — die berühmte ›Türhüter- Legende‹ — bei genauer Betrachtung in unauslotbare Abgründe führt.
Andererseits gibt Kafka dem Leser aber auch Mittel an die Hand, um sich aus der Identifizierung mit dem Helden zu lösen. Josef K. spricht von Unschuld, verhält sich aber wie ein vom schlechten Gewissen Getriebener (und wird von Kafka im Tagebuch auch ausdrücklich als ›schuldig‹ bezeichnet). Der Widerspruch zwischen der mit Mühe aufrecht erhaltenen rationalen Fassade und der tatsächlichen Verfassung des Angeklagten führt immer wieder zu Szenen, die zwischen Grauen und Komik oszillieren. Auffallenderweise erlischt dieses komische Moment im Schlusskapitel: nicht wegen der Hinrichtung selbst, sondern weil sich Josef K. hier über seine eigene Lage erstmals im Klaren ist, ja überhaupt zum ersten Mal sich auf sich selbst konzentriert anstatt auf die Chimären des Gerichts. Ein weiterer Grund für die nachhaltige Wirkung des …




