Zurück zu: Demidov - Die Kunst, auf der Bühne zu überleben
Nikolai Demidov…
…arbeitete mit Stanislawskij am Moskauer Künstlertheater, blieb jedoch Zeitlebens unverstanden. Sein Buch heißt „Die Kunst, auf der Bühne zu leben“ nicht zu spielen. Es geht aber nicht um das Privatsein (was oft falsch verstanden wird), sondern um das unmerkliche Überschreiten der Schwelle vom Ich-Schauspieler zur Ich-Figur, also um das Überschreiten der Schwelle in die Umstände (obstojatel‚stva).
Momente der Wahrheit
Demidov spricht von Momenten der Wahrheit, die innerhalb einer guten Aufführung nur wenige Male vorkommen – der Rest ist Handwerk. In den Demidov-Übungen geht es darum, gerade dieses Handwerk wegzulassen und sich anstatt dessen auf Momente der Wahrheit zu konzentrieren. Die Teilnehmer lernen zu unterscheiden, wann sie bzw. die Spielpartner spielen und wann sie auf der Bühne „leben“.
Nach Demidovs Auffassung ist eine Aufführung, die nur aus Momenten der Wahrheit besteht, nicht möglich und den Zuschauern nicht zumutbar; zu erreichen sind vielleicht nur 10%.
Demidov’sche Etüdentechnik
Zwei Schauspieler betreten die Bühne und bekommen einen aus vier Sätzen
bestehenden Dialog wie z.B.:
- Ich halte es mit dir nicht mehr länger aus.
– Du hast immer die Freiheit zu gehen.
– Von welcher Freiheit sprichst du?
– Du weißt es schon.
Sie müssen sich die Sätze merken, dann sich anschauen und beginnen. Die Etüde ist mit dem letzten Satz zu Ende. Danach macht der Lehrer auf alle Formen der Interpretation und Abwesenheit aufmerksam. Wo erkannte man, dass der Agierende etwas bereits vorher Ausgedachtes spielte, wo ließ seine Konzentration nach etc.
„Manchmal hat eine Figur bereits eine Tiefe, obwohl sie gerade erst entstanden ist und nicht wie in der Stanislavskij-Methode monatelang gezüchtet„ wurde.
Demidovs Meinung war: „Geschichten und Figuren sind bei allen Menschen bereits von Geburt an vorhanden. Man muss sich von den Blockaden befreien, dann kann man frei improvisieren.“
Vollenden konnte Demidov seine Arbeit wegen politischer Umstände in der Sowjetunion nicht. TEATR 05 und einige andere russische Ensembles setzen ie jetzt fort.



