IV. Impulstext zum Thema der Werktage 10/11

DER WILLE ZUM SCHEIN. ÜBER WAHRHEIT UND LÜGE
Univ. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann

Wir lügen alle! Ohne Ausnahme. Lügen ist uns eine Lust und ein Bedürfnis, wir lügen nicht nur aus Eigennutz und aus Not, sondern aus der Freude an der Täuschung, der Verstellung, der Unwahrheit. Der Mensch ist das lügende Tier, Lügen ist nahezu so etwas wie eine zweite Natur des Menschen, vielleicht die zweite Natur, die uns zu bewußten und zivilisierten Wesen macht. Und: wir lügen nicht nur, wenn wir wissen, daß wir lügen. Wir lügen auch dann, wenn wir glauben aufrichtig zu sein. Denn wir können gar nicht anders, als Unwahrheiten zu formulieren. Jeder Satz, den wir sagen, jede Behauptung, die wir aufstellen, jede Empfindung, die wir äußern, ist, betrachten wir es einmal genau, eine Spielart der Lüge. Und wer immer sich darüber aufregt oder empört, daß er belogen worden ist, ärgert sich nicht über das Faktum der Lüge, sondern darüber, daß der andere so schlecht gelogen hat, daß man es durchschaut hat.

Die Fähigkeit zu lügen setzt das Wissen der Wahrheit voraus. Wer lügt, könnte auch die Wahrheit sagen, so wie jemand, der schnell laufen kann, auch langsamer laufen könnte, während der Lahme beim besten Willen nicht schneller laufen kann. Anders formuliert: Lügen können ist eine kommunikative Kompetenz, während Wahrhaftigkeit als Charaktereigenschaft einen Mangel darstellt. Der Wahrhaftige kann immer nur die Wahrheit sagen, er ist ihr ausgeliefert wie ein Behinderter seiner Behinderung; der Lügner verfügt jedoch souverän über Wahrheit und Lüge, zumindest aus seiner Innenperspektive.

Der Lügner muß also kreativ sein, etwas von einem Schauspieler an sich haben und über eine souveräne Kontrolle seines Erinnerungsvermögens verfügen, um jenen Widersprüchen zu entgehen, an denen der schlechte Lügner rasch zu scheitern pflegt.

Gerade im Alltag möchten wir allerdings wissen, ob das, was uns jemand erzählt, auch von ihm selbst für wahr gehalten wird, oder ob er bei sich etwas ganz anderes denkt. Auch wenn wir unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten nicht die Wahrheit sagen können – unter der Voraussetzung, daß es so etwas wie ein Für-wahr-Halten gibt, möchten wir doch zumindest hin und wieder wissen, ob Menschen, die uns im Brustton der Überzeugung etwas weismachen wollen – daß ein Land zum Beispiel Massenvernichtungswaffen besitzt -, dies auch wirklich vor sich selbst für wahr halten. Unter diesen Gesichtspunkten wäre der eigentliche Gegenbegriff zur Lüge nicht die Wahrheit, sondern die Wahrhaftigkeit, und dieses Gegensatzpaar kann dann sehr wohl in einem moralischen Sinn betrachtet werden.

Wie aber dringt man in das Innerste eines Menschen ein? Die Methoden variieren und gehorchen in der Regel den sozialen und technischen Standards der jeweiligen Epoche. Keine Frage, daß die anstößige Faszination der Folter daher rührt, daß sie eines der ersten und bis heute brutalsten Mittel gewesen sein mag, einen Menschen dazu zu zwingen, sein Innerstes preiszugeben. Es ist die äußere Gewalt, der Schmerz, der das Innere aufbricht. Zivilisierte Methoden trachteten schon seit jeher danach, jene Spuren zu entdecken und richtig zu deuten, durch die sich der Lügende gleichsam von selbst verrät… Entscheidend dabei ist die Hoffnung, daß das Herz sich selbst verrät, kein Inneres so abgeschlossen sein kann, daß nichts nach außen dringt.

Woran ein Lügner zu erkennen sei, darüber weiß die alltägliche Menschenkenntnis ebenso Bescheid wie die forensische Psychologie. Und nicht zuletzt geben zahlreiche Sachbücher Rat, wie man die Lügen seiner Mitmenschen entlarven kann. Vom Stocken der Stimme über das Erröten, den abgewendeten Blick bis hin zu den Schweißausbrüchen reichen die bekannten Symptome, die helfen sollen, der Lüge habhaft zu werden. Die bekannten technischen Instrumente wie der Lügendetektor oder noch modernere computergestützte Verfahren zur Stimmanalyse folgen im Grunde demselben Prinzip: Das Innerste, wie verschlossen auch immer, dringt nach außen – und sei es auch nur in kleinsten Abweichungen der Stimme, des Pulsschlags oder der Augenbewegungen, die als Folge der alles entscheidenden Differenz zwischen dem Gesagten und dem dabei Gewußten auftreten. Nur wer mit Lügnern zu tun hat, weiß deshalb, was es heißt, einem Menschen auf den Grund seines Herzens sehen zu wollen. Deshalb kann man sich mittlerweile auch schon Lügendetektoren für den Hausgebrauch kaufen, die auf akustische Signale reagieren und bei einem Telefongespräch mit dem Partner durch ein rotes Lämpchen anzeigen, wann dieser lügt, oder man kann sich einen amerikanischen Ratgeber kaufen, der verspricht, wie sich Unwahrheiten erkennen lassen und demjenigen, der diese Technik beherrscht, gleich verspricht, daß dadurch die Chance gegeben ist, das “Leben und [die] Beziehungen auf nachhaltige Weise positiv zu beeinflussen.” Letzte Sicherheit aber ist kaum zu gewinnen.

Alle physisch meßbaren Veränderungen, die eine Lüge indizieren können, können auch andere Ursachen haben. Die Provokation der Lüge besteht darin, daß sie das Innere eines Menschen als einen unendlichen Raum erscheinen läßt. Man ist nie damit am Ende zu wissen, daß der andere etwas weiß, was er nicht sagt. Noch die aufrichtigste Geste eines Freundes kann inszeniert sein, noch der ehrlichste Blick einer Geliebten kann der einer begabten Schauspielerin sein, noch die tiefste Wahrheit einer Philosophie kann sich als gleißender Schein entpuppen… (Auszug aus dem Eröffnungsvortrag des 8. Philosophicum Lech am 16. September 2004 in Lech/Arlberg. Alle Rechte bei Univ. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann)

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I. Die Ausschreibung der Werktage 10/11
II. Das Thema der Werktage 10/11
III. Der Ablauf der Werktage 10/11
IV. Impulstext zum Thema der Werktage 10/11
V. Das Werktage-Team 10/11