IV. Impulstext zum Thema der Werktage 11/12

CHRISTIAN BUDER

Die Erfindung des Helden

So unterschiedlich auch Gesellschaften organisiert sein wollen, sie besitzen alle ihre Helden. Der Held erscheint als ein Phänomen menschlicher Gesellschaft, doch was steckt eigentlich hinter dem Heldentum? Ist es ein psycho-soziales oder ein historisches Phänomen? Braucht man heute noch Helden?

Der Heldenbegriff hat sich in den Jahrtausenden verändert und kulturell verschoben, so dass es schwierig sein würde einen uniformen Begriff des Helden aufzustellen, der allen Kulturen und ihrer Geschichte gerecht wird. Anthropologische und ethnologische Darstellungen von Helden würden sicherlich ein buntgefächertes Panoptikum von Heldengestalten ergeben, ohne dass jedoch die eigentliche Beziehung des Phänomens „Held“ zur Gesellschaft ans Licht gebracht würde. Die Tatsache, dass wir in allen Kulturen „Helden“ finden, deutet auf einen psycho-sozialen Mechanismus hin, dessen Spuren über Jahrtausende verborgen in den unterschiedlichsten Gesellschaftsformen schlummert. Man redet eben über Helden, man verehrt sie, aber man fragt sich selten: Warum sind sie überhaupt da und vor allem, warum verehrt man sie? Kann man sich eine Gesellschaft ohne Helden vorstellen? Doch um sich dies vorstellen zu können, muss man sich im Klaren darüber sein, was denn verloren geht, wenn wir das Heldentum in Gedanken auslöschen. Wie wird man ein Held und worin besteht das Heldsein? Wie sähe unsere heutige postmoderne Gesellschaft aus, wenn es keine Helden, gleich welcher Art, gäbe?

Heldentod
Ob es sich nun um einen antiken Helden wie Achilles handelt, einem der stärksten und wildesten Kämpfer des trojanischen Krieges oder um Extrembergsteiger, sie haben eines gemeinsam: sie bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben oder haben es zumindest aufs Spiel gesetzt. Aber ist es wirklich dieser hohe Einsatz des eigenen Lebens, der den Helden entstehen lässt? In der Ilias, in der Homer die Schlacht um Troja beschreibt, legt der Dichter dem Seher Kalchas in den Mund, wie ein Held gemacht wird: entweder stirbt Achilles vor Troja den Tod eines Helden oder er wird ein langes Leben führen, aber ohne Ruhm und Ansehen – einer unter vielen. Den Held Achilles gäbe es nicht, sondern vielleicht nur den vergessenen Namen eines Unbekannten auf einer antiken Grabplatte. Ein Held, der überlebt, kann daher nur dann zum Held werden, wenn dieser auch wirklich sein Leben riskierte. Wie gefährlich war sein Einsatz? Oder anders ausgedrückt: war sein Einsatz wirklich der höchste? Hat er in der Tat sein Leben aufs Spiel gesetzt? Der Einsatz des Lebens wird daher nur als solcher anerkannt, wenn vorher schon andere ihr Leben bei dieser Gelegenheit riskiert haben. Doch die tödliche Gefahr des Einsatzes muss in dieser Kette der Helden irgendwann mit einem Toten bezahlt worden sein. Ohne den Tod des ersten Helden können die Nachfolgenden nicht davon sprechen, ihr Leben riskiert zu haben, auch wenn die späteren Helden mit dem Leben davonkommen. Doch reicht es schon aus sein Leben zu riskieren, um in die Walhalla der Helden einzuziehen? Danach wäre jeder, der mit geschlossenen Augen über die Straße geht oder völlig betrunken Auto fährt, ein Held.

Tote, die ihr Leben entweder leichtsinnig oder absichtlich aufs Spiel setzten gibt es unzählige. Aus diesem Grund ist der Einsatz des eigenen Lebens zwar eine notwendige Bedingung des Heldentums, aber noch keine hinreichende Erklärung. Achilles steht sinnbildlich für viele Kriegsteilnehmer, die auf den Schlachtfeldern ihr Leben verloren haben. Ebenso kann man Feuerwehrleute symbolisch als Institution erwähnen, in denen Helden am Werke waren. Achilles und Feuerwehrleute wurden weniger durch den lebensgefährlichen Einsatz zu Helden, sondern durch die öffentliche Anerkennung ihres Einsatzes.

Der Held und die Anderen
Damit wird der Held aber von zwei Seiten bestimmt: einmal durch seine Handlung, indem er sein Leben aufs Spiel setzt und zum andern durch die öffentliche Anerkennung dieses Einsatzes. Der Held ist doppelt bestimmt. Es ist der Andere, der für einen höheren Zweck, sein Leben riskiert, der genau das ist, was ich nicht bin, der genau das wagt, was ich mich nicht zu wagen traue. Der Held ist der Andere, der den Kampf kämpft, den ich nicht kämpfen will, weil ich nicht bereit bin, mein Leben aufs Spiel zu setzen.

Es versteht sich von selbst, dass dieser höchstmögliche Einsatz nicht für einen leichtsinnig selbstherbeigeführten Akt gilt: diesem fehlt die Anerkennung. Doch wie sieht es aus mit den halsbrecherischen Mutproben mancher Jugendlicher wie zum Beispiel das S- oder UBahnsurfen? Inwieweit unterscheidet sich ihr lebensgefährlicher Einsatz von dem eines Extrembergsteigers? Ist die Mutprobe eines Jugendlichen nicht ebenfalls ein Ringen um Anerkennung? Die Wahrscheinlichkeit bei der Besteigung des K2 sein Leben zu verlieren ist vielleicht noch höher als beim S- oder U-Bahnsurfen, doch warum erhalten Extrembergsteiger eine breite öffentliche Anerkennung und S- oder U-Bahnsurfer nur Kopfschütteln? Grund ist die Exklusivität ihres Unternehmens. Es ist relativ einfach sich außen an eine S- oder U-Bahn zu hängen, aber es ist wesentlich schwieriger auf den K2 zu steigen.

Man denke nur an sportliche Ereignisse wie Formel 1 oder Extrembergsteigen, in denen das Regelwerk des lebensgefährlichen Spiels durch den Einsatz in Kauf genommen wird, aber nur deswegen, weil diese Anstrengung öffentliche Anerkennung findet. Nicht die absolute Höhe eines Berges oder seine steilen Wänden machen den Bergsteiger zum Helden, sondern das Scheitern voriger Bergsteiger lässt den Berg zum Ideal, zu etwas Unbezwingbarem werden. Das Scheitern der Einen bringt die Anerkennung der Anderen und je größer das Scheitern, desto größer die Anerkennung. Das Scheitern und der Untergang des Anderen ist daher die notwendige Voraussetzung für den Helden. Die gescheiterten Versuche den 8000er Nanga Parbat zu ersteigen, die vielen Bergsteigern das Leben gekostet haben, ließen den Berg zum unerreichten Ideal unter den Bergsteigern werden. Das Scheitern ist nicht nur die Bedingung des Ideals, sondern schafft dieses erst. Das Scheitern der Anderen als Bedingung dafür, dass der Held erfolgreich seine Mission erfüllen kann, ist nicht die ganze Wahrheit, da der Held ja erst durch den Erfolg der Mission zum Helden wird also erst durch das Scheitern seiner Vorgänger. Aber kann durch das bloße Scheitern, dem Tod von Menschen, ein Ideal entstehen? Lassen Tausende von Verkehrstoten den Straßenverkehr zum Ideal werden, wird die Autofahrt zum Himmelfahrtskommando und das Scheitern, d. h. die Verunglückten, zur Voraussetzung dafür, dass die Teilnahme am Straßenverkehr zum Ideal wird? Das Scheitern gewinnt erst dann seine idealschaffende Kraft, wenn es das Kriterium des Unerreichten behält. Wäre der Nanga Parbat ein Ausflugsberg auf den täglich Scharen von Menschen strömen, um auf dem Gipfel gemütlich Kaffee zu trinken, so wäre das Ideal an sich, als nerreichtes, nicht mehr vorhanden und auch wenn regelmäßig Bergsteiger auf ihrer Kaffeetour abstürzen würden, so wäre der Akt banal und ein Heldenkampf ausgeschlossen (es fehlt der exklusive Charakter des Unternehmens). Der Verkehrsteilnehmer setzt nicht bewusst sein Leben aufs Spiel, wenn er in sein Auto steigt, sondern er geht davon aus, dass er heil an seinem Zielort ankommt. Das unterscheidet ihn vom Helden. Der Held weiß nicht, ob er am Ziel seiner Mission ankommt.

Die Möglichkeit des Scheiterns und der Verlust des eigenen Lebens als höchsten Einsatz skizzieren den imaginären Raum des Ideals. Das Ideal bestimmt sich negativ als etwas „Unerreichtes“. Aber können wir diesen Prozess der Idealisierung nicht mit dem vergleichen, was Lacan mit der Ablehnung des „Opfers“ oder Zizek mit dem „falschen Opfer“ bezeichnete, nämlich, dass das Ideal, als Unerreichtes, künstlich durch das Scheitern erzeugt wird. Die Besteigungsversuche eines Berges symbolisieren plötzlich mehr als nur bloße Handlungen hinter denen ein bestimmter Zweck steht. Die Handlung selbst ist der Ausdruck, dass es etwas Erstrebenswertes gibt, dass es eben ein Ideal gibt für das Menschen ihr Leben einsetzen. Das Ideal ist, um es in Lacans Terminologie auszudrücken, der Andere. Die öffentliche Anerkennung der Möglichkeit des „Scheiterns“ nimmt der bevorstehenden Mission des Akteurs die Zufälligkeit. Der Andere und sei es auch nur eine steile unbezwungene Felswand erscheint als Gegner durch die Absicht des Akteurs. Die Konsistenz der Allmacht des Großen Anderen (des Unerreichten) wird durch das Opfer aufrechterhalten. Die Allmacht des Anderen, z. B. des Berges, bleibt dann gewahrt, wenn keiner es schafft ihn zu erklimmen. Der Große Andere als Unerreichtes kann nur fortbestehen, solange das Scheitern ritualisiert wird. Das grundlegende Ziel des Opfers besteht für Lacan darin, die Existenz eines Anderen zu simulieren, indem durch den Opferakt selbst der Andere heraufbeschwört wird. Genau so könnte man aber auch ein Buch einer Person widmen, die es gar nicht gibt. Die Widmung beschwört die Existenz des Anderen zwar herauf, aber lässt ihn natürlich nicht entstehen. Diese Heraufbeschwörung eines Anderen, der bekämpft oder bezwungen werden muss, gibt dem Helden seinen Platz. Die Literatur sowie auch der Film machten sich diese Inszenierung des Scheiterns zu nutze, um künstliche Ideale aufzubauen und mit ihnen den Held. Dabei ist es nicht der Held, der für irgendwelche hohen Ideale sein Leben opfert, sondern der künstliche Opferkult und dessen Inszenierung geben dem Helden seinen Platz in der postmodernen Gesellschaft: in der fiktiven Welt des Films oder der Literatur.

Heldenfabriken – die Inszenierung des Scheiterns
Das fiktive Scheitern erweitert die symbolische Kraft des Unereichten um eine Kategorie. Das Unerreichte muss nicht unbedingt ein Berg oder ein reales Ereignis sein – es kann die bloße Erfindung eines Autors oder Regisseurs sein. Dies erweitert das Feld des Unereichten und damit auch die Gestalt des Ideals. Der Mythos eines Helden kann dramaturgisch in Szene gesetzt werden, indem sein eigenes Scheitern am Ende seiner Mission oder das Scheitern Anderer, die ihm vorausgegangen waren, gezeigt wird. Ein Held, der seine Mission überlebt, ohne dass er seine Kameraden oder einen lieben Freund während seiner Mission verloren hat, wirkt unglaubwürdig. Man stelle sich den amerikanischen Film „Top Gun“ vor, bei dem der Held keiner Gefahr ausgesetzt war und es dem Zuschauer nie in den Sinn kam, dass dieser sein Leben bei seinen Missionen wagte. Der Film wäre nur ein Herumfliegen von Kampfflugzeugen in der Abendsonne. Der Tod des Partners des Helden, gespielt von Tom Cruise, in „Top Gun“ ist genau das Scheitern, das dem Helden erspart bleiben soll und er wird Held, indem er das Unmögliche realisiert und dem Zuschauer als möglich glaubwürdig verkauft. Der Held ist in dieser Art von fiktiver Inszenierung das eigentliche Nebenprodukt, das eigentliche Interesse des Regisseurs liegt in der glaubwürdigen Inszenierung des Scheiterns, denn in der Grobskizze des Scheiterns verbirgt sich das ganze Ideal, das der Held später symbolisiert. Der Held enthält die Größe des Scheiterns des Anderen.

Hollywood brachte unzählige Helden hervor und mit diesen Helden, die für oder gegen etwas kämpften, produzierte Hollywood auch die dazugehörigen Ideale. „Top-Gun“ war nur einer dieser Filme, in denen der Held durch seinen Einsatz vor allem soziale Anerkennung erhielt. Die soziale Anerkennung wird zum höchsten Gut, noch vor dem eigenen Leben. Die Absicht des Films ist klar: der Held, verkörpert durch den Schauspieler Tom Cruise, setzt sein Leben für eine Mission ein und erzeugt durch diesen Einsatz, von dessen Gefährlichkeit uns der Regisseur überzeugen will, das Ideal des Soldatentodes. Der Soldat setzt sein Leben aufs Spiel und erhält dafür gesellschaftliche Anerkennung. Der Film wird das Mittel, um Ideale zu produzieren und durch seine Massenwirksamkeit zur Idealmaschinerie – im Extremfall zur Ideologienmaschinerie. Die Nazidiktatur in Deutschland inszenierte bereits die Ideale, die sie brauchten, um die Massen für ihre Zwecke zu stimulieren. Die fiktive Welt des Films oder der Literatur ist aber nur ein Teil der Inszenierung, die heute durch die Maschinerie der Massenmedien betrieben wird, denn selbst objektive Berichterstattung – man denke nur an die Berichterstattung während des Golfkrieges – ist selbst dargestellte oder anders gesagt, fiktive Realität.

Wozu heute noch Helden?
Doch warum gibt es überhaupt diese „fiktiven Welten“? Warum lassen sich Menschen über diese Scheinwelten ansprechen und gegebenenfalls sogar motivieren? Warum sind Helden, die ihr fiktives Leben aufs Spiel setzen so begehrt in unserer postmodernen Gesellschaft?

Es ist kein Zufall, dass die Heldenproduktion in großem Stil durch Medien betrieben wird,die Massen erreichen und vor allem in unseren postmodernen kapitalistischen Gesellschaften, in denen die soziale Anerkennung nicht mehr unbedingt nur dadurch erreicht werden kann, indem man sein Leben in einem allgemein anerkannt gefährlichen Beruf einsetzt. Anerkennung kann nur da sein, wo das Individuum sich von der Masse unterscheidet. Das Streben nach Anerkennung ist also auch immer ein Bemühen um Differenz. Das „Zu-einer- Gruppe-gehören“, die sich per Definition von anderen Gruppen unterscheidet, ist die Differenz des undifferenzierten Individuums. Man ist, was die Gruppe ist. Doch auch das schwache und undifferenzierte Ich behält auch in der Gruppe den Drang nach Anerkennung. Das „Zu-einer-Gruppe-gehören“ stellt sich erst ein, wenn das Individuum als Jemand anerkannt ist. Der „Kampf um Anerkennung“1) ist dem Menschsein immanent. Der Begriff des „Individuums“ unterscheidet sich von dem des „Subjekts“, weil es aus sich noch nicht auf den Anderen verweist. Das In-dividuum ist ein „Un-teilbares“, während das Subjekt an sich ein Teilergebnis der Differenz zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Ich und Anderer ist. In dieser Beziehung ist keiner für sich genug. Erst über die Vermittlung durch den Anderen kommt das Subjekt sozusagen zu sich selbst. Der „Kampf um Anerkennung“ schreibt sich in dieses Spannungsverhältnis hinein. Der Held ist der höchste Ausdruck dieses Anerkanntseins.1)

Der Held beschreibt den Wunsch: „Alle Blicke sind auf mich gerichtet, alle wollen sein wie ich, wagen aber nicht, das zu tun, was ich tue!“ Der Held verschwindet also genauso wenig aus der menschlichen Gesellschaft wie die Anerkennung selbst. Der Held unterscheidet sich von den Anderen, indem er bereit ist für die Erreichung seiner Zwecke sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen. Der Einsatz seines eigenen Lebens für etwas Höheres (wobei das Höhere erst durch sein Opfer als solches bestimmt wird) und der besondere exklusive Charakter seiner Zwecksetzung (zum Beispiel die Ersteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffmaske oder die halsbrecherische Rettung eines Menschen aus einem brennenden Haus etc.) machen eine Tat zu einem Objekt, das Anerkennung auf sich zieht. Die Rekorde im „Guinessbuch der Rekorde“ sind zwar besonders, aber nicht exklusiv und finden deshalb auch nicht die breite öffentliche Anerkennung wie beispielsweise die Erstbesteigung des Mount Everest. Die Qualität des Ereignisses, in diesem Falle die Erstbesteigung, predeterminiert die mögliche Anerkennung, die ein Held für seinen Einsatz erhalten kann. Der Held ist daher nicht nur jemand, der bereit ist sein Leben zu opfern, sondern er ist oft auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Entscheidend ist jedoch, dass der Held, indem er sein Leben aufs Spiel setzt, es sozusagen als Opfer darbringt, erst den Sinn seines Tuns als Ideal, als etwas bisher Unerreichtes, bestimmt. Das Ideal erscheint gemeinsam mit dem Opfer.

Dies erinnert mich an eine kurze Alltagsszene vor einem Münchner Kino, in dem gerade der Film „Titanic“ von James Cameron mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet lief. Eine junge Frau kam aus dem Foyer, mit verweinten Augen und meinte: „Jetzt weiß ich, was Liebe ist. Liebe ist, wenn man bereit ist für jemanden zu sterben.“ Ihre Freundin fragte sie, ob sie denn auch bereit wäre für jemanden, den sie liebte, zu sterben. „Natürlich würde ich für meine große Liebe sterben!“ antwortete sie. Das Ideal der absoluten und wahren Liebe wurde im Film durch den Tod des Helden bestimmt. Hätte man den Held nicht sterben und ihn mit seiner Geliebten heil ans Festland zurückkehren lassen, hätte man ihn gesehen wie er noch 40 oder 50 Jahre weitergelebt hat, dann hätte die Beziehung dieses Paares die gewöhnlichen Höhen und Tiefen durchlebt, doch das fehlende Opfer hätte die „Liebe“ erreichbar gemacht und damit ent-idealisiert. Nur als Unerreichtes kann das Ideal fortbestehen und zwar als etwas, das es noch zu erfüllen oder zu erreichen gilt.

Das Primat des Lebens und das Opfer
In der postmodernen kapitalistischen Gesellschaft, in der die Erhaltung des physischen Lebens des Subjektes noch vor der sozialen Anerkennung kommt, verspielt kein Mensch leichtfertig sein Leben, um zum Ansehen eines Helden zu gelangen. Dies war nicht immer so, was man daran sieht, dass in Duellen, Zweikämpfe auf Leben und Tod, Ehrenstreitigkeiten bis ins 19. Jahrhundert ausgetragen wurden. Ebenfalls gab es Zeiten, in denen der „Heldentod“ auf dem Schlachtfeld hoch im Kurs stand. In der kapitalistischen Postmoderne scheint die eigene Unversehrtheit zum Prinzip individueller Zwecksetzung geworden zu sein. Doch es gibt auch Ausnahmen wie zum Beispiel Extrembergsteiger, die bei ihren Besteigungen bewusst ihr Leben aufs Spiel setzen. Es handelt sich hier mehr als nur um den „ultimativen Kick“ oder einfach „Nervenkitzel“, wenn man die Vorbereitungen solcher Unternehmen betrachtet. Diese „Extremisten“ oder „Ausnahmemenschen“ bilden bewusst einen Kontrast zu dem Lebensprinzip in der postmodernen Gesellschaft. So absurd und sinnlos ihr Unternehmen auch scheinen mag, sie drücken genau das höchste Opfer aus, das man in einer Gesellschaft, die den Erhalt des Lebens zum Primat des Zusammenlebens erklärt hat, erbringen kann. Ein Opfer, das der Kinobesucher nur als „ich würde, wenn“, als Möglichkeit in Erwägung zieht, aber natürlich fest an seine potentielle Bereitschaft glaubt und dafür auch ein perfektes Ideal erhält.

Lacans Kritik des „Opfers“ trifft genau diese potentielle Bereitschaft. Eine Bereitschaft, die in Wirklichkeit gar nicht da ist. Es wird gar nichts gegeben mit dem Opfer, sondern nur versucht den Anderen im Bereich der Begierde zu erfassen 2). Indem der Held im Film „Titanic“ sich opfert, erreicht er, dass die Liebe der beiden ewig unerreicht ist. Ihnen bleiben sozusagen die Unannehmlichkeiten eines Menschenlebens erspart. Nichts kann in diese Liebe mehr eindringen, kein körperlicher und geistiger Verfall, kein Betrug, keine Lüge. Der Tod schließt ihre Geschichte luftdicht ab bevor sie verschmutzt. Indem nun der Kinogänger sich mit dem Helden identifiziert, sich in seiner Vorstellung an seine Stelle setzt, hält er sich ebenfalls bereit sich zu opfern, um den Anderen mit seiner Begierde (désir) zu erreichen. Er sieht sich bereit dazu und opfert dafür das Höchste, was er besitzt: sein Leben! Aber natürlich ist er nur bereit dazu und erhält dafür die Hochglanzidee einer absoluten Liebe.

Aus diesem Grund ist die postmoderne Gesellschaft, in der das Primat der Lebenserhaltung vorrangig ist, auch immer eine fiktive Gesellschaft, die sich selbst erfindet. Der Held ist der Torwächter, dass der Andere grundsätzlich unerreicht bleibt, da nur der Held durch seinen Einsatz diesen erfassen kann. Das Subjekt, das nicht daran denkt sein Leben aufs Spiel zu setzen, verzichtet auf den Anderen und überlässt ihn einer vagen Bereitschaft. „Ich könnte ja, wenn ich wollte!“ Erst im Kino (aber auch in der Literatur) kämpft das Subjekt seinen Heldenkampf. Der Kinoheld stirbt für ihn und verschafft ihm die Sicherheit, dass der Andere erfassbar ist – wenn man es nur richtig möchte.

Der Held, der sein Leben als das höchste Gut eines Subjekts einsetzt, steht symbolisch für die höchstmögliche Anerkennung in einer Gesellschaft. Im Kampf um Anerkennung markiert der Held ein Extrem der Intersubjektivität. Es ist sozusagen der höchste Differenzierungsgrad eines Subjekts und steht dem völlig farblosen Massenmenschen ohne Gesicht gegenüber.

Vielleicht wirkt der Begriff des Helden noch viel tiefer in der postmodernen kapitalistischen Gesellschaft, wenn auch der Einsatz des Lebens breiter gefasst wird. Verbindet man mit Existenz nicht nur das physische Leben, sondern auch die finanzielle Existenz und gesellschaftliche Position in einer rein kapitalistischen Gesellschaft, so könnte auch der Einsatz seines Lebens mehr bedeuten: nämlich die Aufgabe eines gesicherten Beschäftigungsverhältnisses, um beispielsweise die Selbstständigkeit als Unternehmer oder Künstler zu wagen. Dies hieße aber auch, dass auch die gesellschaftliche Anerkennung einen Marktpreis erhielte und die gesellschaftliche Anerkennung sich in Geld oder in den entsprechenden Statussymbolen ausdrücken ließe. Aber auch der Einsatz der finanziellen Existenz und damit auch der Rest von dem archaischen Bild des Helden würde sich bald in abstrakten Börsenwerten auflösen, wenn geschickte Finanzjongleure und Marktstrategen Millionengewinne machen und man hinter ihren Palästen und Statussymbolen nur noch die kapitalistische Hohlformel eines Helden vermuten darf. Der gezeigte Reichtum ist genau das Negativ des gebrachten Opfers. Der Held stirbt nicht mehr, sondern löst sich im Konsumwahn auf und wird unsichtbar hinter den Objekten mit denen er sich umgibt.

Christian Buder in „sic et non. zeitschrift für philosophie und kultur. im netz. #8/2007

1) Der „Kampf um Anerkennung“, (Axel Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Suhrkamp-Verlag) ein Begriff den Axel Honneth in Anlehnung an die Philosophie Hegels populär machte, skizziert die Grundrisse menschlicher Gesellschaft, in der die intersubjektive Struktur auf gegenseitiger Anerkennung beruht. Für Honneth kann sich das Individuum in der modernen Gesellschaft nur dann entfalten und auf sich selbst beziehen, wenn es in den Sphären Liebe, Recht und sozialer Wertschätzung anerkannt wird.

2) Lacan, Leçons XXI, Séminaire 1962–1963 Troisième édition corrigée Publication hors commerce. Document interne à l’Association freudienne internationale et destiné à ses membres, S. 344 „…le sacrifice est destiné, non pas du tout à l’offrande ni au don qui se propagent dans une bien autre dimension, mais à la capture de l’Autre, comme tel, dans le réseau du désir.“

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IV. Impulstext zum Thema der Werktage 11/12