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Reigen

Von Thomas Richter

Frei nach "Reigen" von Arthur Schnitzler

Vorstellungsdauer
110 Minuten, keine Pause

Uraufführung

deutsch

Spielplan


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Über Reigen

"Hast du gewusst, dass — rein statistisch — Paare, die getrennt schlafen, länger zusammenbleiben?"

Wegen des großen Erfolgs bereits in der zweiten Spielzeit: ein neuer REIGEN rund um Liebe, Sex und Beziehungsstress. Vor hundert Jahren waren solche Themen, insbesondere Sex, auf der Bühne noch ein Skandal. Schnitzlers Stück löste nach seiner Uraufführung nicht nur den berühmten „Reigen-Prozess“ aus, sondern auch derartige Saalschlachten und Anfeindungen, dass der Autor irgendwann selbst jegliche weitere Aufführung untersagte.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute können wir jederzeit und kostenfrei im Internet auf alle erdenklichen Arten von Sexualität zugreifen und uns darüber auf-, er- und abregen. Sex kann heute, außer vielleicht gerade noch im Zusammenhang mit Politik, keinen Skandal mehr auslösen. Aber sind wir bei all der Freiheit heute tatsächlich sexuell gelöster, aufgeklärter oder gar zufriedener? Oder doch viel eher oversexed and underfucked?

Thomas Richters Ansatz ist wie bei Schnitzler, ein gesellschaftliches Panorama unserer Zeit über sexuelle
(Nicht-)Begegnungen zwischen Menschen zu entwerfen. In ihren Gesprächen, Konflikten und Annäherungsversuchen fächern die Figuren das weite Bild des zwischenmenschlichen Miteinanderseins auf. Hinter der Fassade von sexueller Lust zeigen sie sich letztlich bloßgestellt in ihrer emotionalen Bedürftigkeit. Von Dora Schneider in Szene gesetzt, tanzen die Protagonist*innen durch eine Tragikomödie der ewigen Suche nach sich selbst und nach der Nähe zum Gegenüber.

Team

Es spielen
Ausstattung
Ilona Glöckel
Ausstattungsassistenz
Sandra Moser
Bühnentechnik
Andreas Nehr, Alexander Schlögl
Dramaturgie
Tina Clausen
Kostümbetreuung
Daniela Zivic
Licht
Hans Egger, Katja Thührriegl
Maske
Beate Lentsch-Bayerl
Musik
Thomas Richter
Regie
Dora Schneider
Regieassistenz
Renate Vavera
Regiehospitanz
Stefanie Elias
Text
Thomas Richter
Ton
Peter Hirsch
Video
Thomas Richter

Foto-Galerie

Kritiken

“Das TAG-Ensemble (…) spielt wieder einmal großartig. Der von Dora Schneider inszenierte Abend ist nahe am Kabarett gebaut, es fehlt ihm aber an Tiefgang. Viel Jubel vom Premierenpublikum.”
Kurier
“Richter schaut genau auf die zwischenmenschlichen Möglichkeiten in einer Gegenwart, die zur digitalen Vereinsamung drängt. Der Humor konturiert die Verzweiflung. (...) Langer Applaus eines Publikums, in dem wohl mancher seine eigene Lebenssituation auf der Bühne widergespiegelt fühlte.”
Wiener Zeitung
“Thomas Richter hat (…) frei nach Schnitzler einen ‚Reigen’ für die Generation Tinder verfasst, die Beziehungen oft über Datingportale anbahnt. (…) Viele Szenen haben Witz, gespielt wird in den 110 Minuten oft entzückend skurril. Die Rollen sind bald leicht austauschbar. An Schnitzlers beiläufige Prägnanz reicht der Text meist nicht heran. Dennoch: Es ist gut, darüber geredet zu haben.”
Norbert Mayer — Die Presse
“Die in Schnitzlers ‚Reigen’ variierten Sexanbahnungsgespräche variiert Richter in der Gegenwart: Wie komme ich heute unter welchen Spielregeln zum Beischlaf? Damit sind über ein Dutzend Figuren befasst. (…) Keine der Begegnungen führt zum Ziel – weder über ein Casual Sex Date samt Formular noch über ein Machtverhältnis und auch nicht über eine zufällige Barbekanntschaft. Man kann das auch als Diagnose werten (…) Sex macht heute scheinbar nur Probleme. Das war ja schließlich auch die Crux bei Arthur Schnitzler.”
Margarete Affenzeller — Der Standard
“Der deutsche Regisseur und Autor Thomas Richter hat fast 100 Jahre nach dem Skandal um Schnitzlers Szenenfolge ‚Reigen’ versucht, ein neues gesellschaftliches Panorama in Bezug auf unseren Umgang mit Sexualität zu entwerfen. Es wird viel geredet in diesen fast zwei Stunden, die von Dora Schneider in Szene gesetzt und mit kurzen Video-Einspielungen angereichert wurden. Dabei gibt es viele gut beobachtete Paar-Situationen und ein paar nette Sager. Lachen ist immer gut. Auch beim Reden über Sex.”
APA
“Dabei verdient das, was man auf der Bühne des TAG in 110 pausenlosen Minuten sieht, durchaus Beachtung, zeugt von scharfem Blick auf unsere Welt, bietet Humor, lässt auch Bitterkeit köcheln, und anders als bei Schnitzler führt kaum eine Szene zum tatsächlichen Beischlaft (der einst den Skandal bedeutete). (…) Da, wo früher die brutale Lust herrschte (und einen Begriff wie "Belästigung" hat Schnitzler nicht gekannt), stolpert der moderne Mensch über seine eigenen, egozentrischen, grenzenlos umkreisten Befindlichkeiten. Mühselig. Komisch anzusehen. (…)Das alles bringt ein Großteil des Textes auf den Punkt, und Regie (Dora Schneider) und Darsteller bleiben nichts schuldig. (…) Der Autor unserer Zeit hat dazu durchaus Erkenntnisse und Einsichten bereit, die in unsere Gesellschaft hineinleuchten. Das Publikum zeigte sich überzeugt.”
Renate Wagner — Online Merker
“Mitreißende Uraufführung. Grandioses Bühnenkatapult zu Seele, Sehnsucht, Sex der Zeit. (…) Es ist ganz feine Seelenarbeit in höchstem szenischen Anspruch von Rollenwechsel/Dialog und Ausdruck/Ansprache, die hier groißartig von Theater geleistet wird. (…) Witzig, traurig, nachdenklich. Gratulation!”
Walter Pobaschnig — Literaturoutdoors.com
“Unter der Regie von Dora Schneider werden mit dem Text von Thomas Richter Szenen der aktuellen Tendenzen des Liebeslebens aufgezeigt. (…) Dabei zeichnet das TAG das Bild einer Gesellschaft, in der es mehr um Schein als um Sein geht. (…) Getragen von einem grandiosen Ensemble und einer detailverliebten Ausstattung kippt die Darstellung der Personen nicht zu sehr ins Komödienhafte. Die liebevollen Kleinigkeiten sorgen dafür, dass die Charaktere mehr als nur Klischees sind, sondern sehr menschlich wirken. (…) Vor allem aber ist die Aufführung lustig.”
Veronika Schneider — Neue Wiener

Über die Produktion

1920 REIGEN 2020

Man kann heutzutage über alles reden…

Sexualität, Liebe, Beziehung, ihre Verkettung und ihr gegenseitiges Bedingen vor dem Hintergrund einer postbürgerlichen Massen-Konsumgesellschaft ist auf der Bühne längst kein ausgesprochener Skandal mehr. Mit großer Gelassenheit bewegen wir ZeitgenossInnen uns durch die mit Reizen hoch gesättigte Sphäre des öffentlichen Sex. Alles liegt offen, zur Verfügung, zum Gebrauch, wird verstanden und erklärt, alles ist, wie ein populärer Buchtitel es so trefflich formuliert, "oversexed" , jedoch leider "underfucked" . Das 21. Jahrhundert ist das Zeitalter der Überstimulierung und der Untererregung.

Nach der "seriellen Monogamie" und der "offenen Zweierbeziehung" sind jetzt "Poliamorie" und "Sologamie" heiß debattierte Begriffe auf dem Feld der avancierten Gesellschaftsforschung. Je nach Ideologie und allgemeiner Sicht auf die menschliche Natur werden diese von den DiskursteilnehmerInnen polemisch in Stellung gebracht, Erklärungsmodelle konstruiert und verteidigt, um Sexualität und ihre Reproduzierbarkeit mit technischen Mitteln im 21. Jahrhundert unter den Bedingungen des Web 4.0 zu diskutieren.

Die Sexual-Ökonomie heute: Ein Ich trifft auf ein anderes Ich und man tauscht Ware aus. Manchmal unter den Bedingungen eines Freihandelsvertrages mit starkem Akzent auf Wettbewerb. Oder: Unter ein wenig geschützteren Bedingungen einer gegenseitigen Abmachung, die man landläufig Liebesbeziehung zu nennen sich nicht abgewöhnt. Ein zumeist mündlicher Vertrag mit einer gewissen Dauer und Ausschließlichkeit andere MarktteilnehmerInnen betreffend. Auf gegenseitige Vorteile bedacht und ausgerichtet. Synergien lukrierend, um eine wie auch immer geartete Produktivität zu steigern, die man in der Außensphäre wieder gewinnbringend einzusetzen versteht. Um in diesen Konkurrenzen und temporären Kooperationen bestehen zu können, muss das Produkt anständig vermarktet werden. Selbstoptimierung ist angesagt. "Du musst deinen Körper ändern – nicht dein Leben". Rilkes Archaischer Torso Apollos gemahnt heutzutage mehr an Klimmzugstangen, Diäten und kosmetische Operationen als an ein metanoisches Erwachen.

Von diesem neuen Massentrend profitieren einschlägige Industrien und eine Unzahl diverser Online–Vermittlungsforen, die wiederum von den Werbeeinnahmen der genannten älteren Industrien befeuert werden. Ein ewiger Kreis. Was mit Anti-Aging-Cremes beginnt, soll mit dem perfekten Menschendouble enden. Liebende Roboter, lebende Computerprogramme, Androiden, gentechnisch veränderte, transhumane Lebewesen.

Thomas Richter ist ein investigativ gründlich recherchierender Theaterautor. Ein Nicht-schnell-Zufriedener, ein Ausgräber, ein Wühler in den oft seltsamsten Nischen, die das Netz und die Welt da draußen ihm öffnen. Seine Feldforschungen gehen über Monate, manchmal Jahre der Katalogisierung und Bestimmung der Phänomene hinweg, bevor er das Substrat seiner Fundstücke, seiner Ergebnisse, seiner Analysen und Gedanken in szenische Dialoge gießt.

Ihm analog und zur Seite, nicht minder behutsam, begibt sich Dora Schneider in der Regie auf einen kleinteiligen Weg der Auseinandersetzung und Zerlegung des Materials. Der Gang mit dem psychologischen Geo-Dreieck in der Hand über die ausgelegten dramatischen Strecken, diese zu vermessen, ist ihre Leidenschaft und Stärke. Die steile Vorlage: der Schnitzler’sche Reigen, dessen Uraufführung und dessen Skandal sich heuer zum hundertsten Male jähren.

Damals: geworfene Stühle, Stinkbomben, Teer-Eier, zertrümmerte Spiegel, "Man schändet unsere Weiber"-Rufe, Demonstrationen, antisemitische Ausritte, Prozesse. Das Theater wurde von der Bühnentechnik geflutet(!), um danach von der Feuerwehr wieder ausgepumpt zu werden. Beeindruckend. Man staunt. Das alles wegen dem bisschen angedeuteten Sex auf der Bühne. Nun gut: Die gründerzeitlichen Neurosen wurden von der verdrängten Sexualität befeuert, so belehrt uns die Psychoanalyse, von der miefigen Enge eines unbefriedigenden Ehelebens, den wirtschaftlichen Abhängigkeiten usw.

Und heute? Die Hölle der modernen Beziehung liegt im Überfluss, in der scheinbaren Freiheit, in der Langeweile und der Austauschbarkeit, in den unbegrenzten Möglichkeiten und Versprechungen des Marktes. Auch wenn an ihren Abhängen wohlduftend das Gleitgel hipper Onlineforen klebt, wohnt in der Tiefe nicht die Wahrheit, sondern einzig schwarze Einsamkeit.

Die Auslotung dieser Tiefenlandschaften, über denen in höchster Leichtigkeit der Dialog tanzt, ist hinsichtlich des Schnitzler’schen Projektes bei Thomas Richter und Dora Schneider in bester Tradition. Denn man kann heutzutage über alles reden, Vorlieben, Perversionen, persönliche Erfahrungen mit Prothesen, mit Sexarbeit, mit chemischen Stimulierungen, nichts ist tabu. Einzig über die eigene Inkompetenz auf diesem Felde, so Richter, sollte man tunlichst schweigen.

Aber wo bleibt bei alle dem die Liebe? Die Romantik? Die Vertraulichkeit? Und das uns von der Industrie verheißene Liebes- und Lebensglück? Wir MassenkonsumentInnen vereinzeln und vereinsamen hysterisch kommunizierend vor den Screens. Von Sinnkrisen, Depressionen und Burn-outs gebeutelt. Aber mit glückstrahlendem Profilbild. Was funktioniert da nicht?

Erlösungen? Antworten? Zumindest Tendenzen zu –? Thomas Richter und Dora Schneider geben sie uns nicht. Wie auch? Es gibt sie nicht. Die beiden versuchen eine welthaltige Bestandsaufnahme. Und das ist gut so. Denn hat man auf die Fragen, die der Entwurf eines erotisch-romantisch befriedigenden, lebenslangen Glücks stellt, eine Antwort, sollte man tunlichst in der Öffentlichkeit davon schweigen und privat tagtäglich an ihr arbeiten.

Gernot Plass
Künstlerischer Leiter

Für die Presse

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