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ICH, GALILEO

Von Gernot Plass

Vorstellungsdauer
80 Minuten, keine Pause

Uraufführung

Premiere: Sa. 29. Mai 2021, 19.30

Termine und Infos

Spielplan


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Über ICH, GALILEO

Unsere Gegenwart ist geprägt vom erbitterten Kampf um Welterzählungen – ob auf den Feldern der Geschichte, der Klimaforschung, der Geopolitik oder der Evolution. Oftmals sind diese Erzählungen und Positionen obskur und sehr leicht durch vernünftige Argumentation zu entkräften. In manchen anderen Fällen eröffnen sie aus den gleichen theoretischen Überlegungen eine verbotene, weil von der Meinung der Herrschenden abweichende Ideologiekritik. Die Positionen sind mitunter militant. Man sondert sich in die eigenen Echoräume ab und lässt anderslautendes nicht mehr zu.

Galileo Galilei ist eine der bekanntesten historischen Figuren, deren Leben vom Streit um das richtige „Weltbild“ geprägt war. Er legte mit seiner Forschungsarbeit den Grundstein für die moderne Physik und Mathematik und riskierte damit sogar sein Leben. Ob die Erde um die Sonne sich drehe oder die Sonne um die Erde, das war gewiss zu seiner Zeit noch nicht wissenschaftlich überprüfbar, ein Gegenstand der Auslegung, welche wiederum radikale Auswirkungen auf die Situation des Menschen und die Machtinteressen der herrschenden Eliten hatte.

Dieser „Fall Galilei“ ist Ausgangspunkt eines Theaterprojekts, der einen Menschen, einen Theoretiker, einen Forscher ins Zentrum rückt, der gegen die herrschende Lehrmeinung recht hat und dessen Überzeugungen ihn nicht nur gesellschaftlich ächten, sondern ihn auch an den Rand seiner Existenz führen.

Gernot Plass versucht mit diesem Text, eine Problematik zu beleuchten, die heute aufgeklärte und rationale Auseinandersetzung oftmals vergiftet und verunmöglicht. Man ist für freie Meinungsäußerung, solange man die geäußerte Meinung gutheißt. Alles andere ist verdächtig oder einfach nur lächerlich. Aber ist es in einer gesunden demokratischen Öffentlichkeit nicht gerade die kritische Minderheitenmeinung, die, auch wenn sie falsch und abstoßend ist (oder erscheint), ein Recht auf Auseinandersetzung hat?

Team

Es spielen
Text
Gernot Plass
Regie
Gernot Plass
Ausstattung
Alexandra Burgstaller
Sound
Dr. Plass
Dramaturgie
Georg Schubert, Tina Clausen, Isabelle Uhl
Video
Peter Hirsch
Regieassistenz
Renate Vavera, Bernhard Kobler
Kostüm-, Requisiten- und Fundusbetreuung
Daniela Zivic
Bühnentechnik
Hans Egger, Andreas Nehr
Lichttechnik
Katja Thürriegl

Foto-Galerie

Kritiken

“Georg Schubert spielt brillant. (…) Gernot Plass hat diese packende, teils böse, teils amüsante Performance nicht nur geschrieben, sondern auch inszeniert. (…) Nach mancherlei seltsamen Eindrücken in den letzten Tagen gibt uns das Theater endlich, was wir uns von der Bühnenkunst wünschen: mit entfesselter Spiellust vermittelte Bildung und die Verhandlung der berühmten Letzten Fragen. Woher kommen wir, wohin gehen wir und was bewegt uns wirklich, unseren Geist, unsere Seele? Ein einzelner Schauspieler reist mit all seinen darstellerischen Mitteln durch Gedankengebäude und die ganze Welt. Das ist toll.”
Die Presse
“Das TAG hat jetzt ebenfalls den Spielbetrieb wieder aufgenommen – das ist sehr erfreulich, denn das kleine Haus im 6. Wiener Bezirk versorgt sein Publikum seit Jahren verlässlich mit exquisiten Arbeiten. (...) Ein Monolog, eine herrliche Spielfläche für den famosen Schauspieler Georg Schubert. (…) Das Thema – wo sind die Grenzgebiete, in denen die Wissenschaft auf den Glauben prallt und beide ineinander übergehen – ist in Corona-Zeiten hoch aktuell. (…) Georg Schubert spielt sich virtuos und beeindruckend durch den assoziativen Text, es gibt auch gelungene Gags, aber der Abend hat etwas merkwürdig Akademisches. Dennoch: Spannend!”
Kurier
“In der aktuellen Eigenproduktion der TAG blendet Regisseur Gernot Plass, bekannt für seine rasant-pointierten Klassikerüberschreibungen, weit zurück in die Geschichte der falschen Lehren und brisanten Fakten. Vom ersten Multiscreen-Moment seiner (…) Inszenierung macht er deutlich: Die sauer in die Zeit der Gegenreformation eingelegte historische Analogie über die großen Fragen unserer Welt ist auch ein langer, in Jambenmaß getauchter Kommentar zur gegenwärtigen Situation. (…) Von Georg Schubert, der an diesem Abend fast alle Rollen übernimmt, virtuos bis zum letzten Aufschrei skandiert.”
Wiener Zeitung
“3 G? Viele G! (…) G wie Galileo Galilei (…) G wie Gernot Plass, Autor und Regisseur, G wie Georg Schubert, emphatischer Solo-Schauspieler, der 80 Minuten konzentriert trägt. (…) Vier Screens beim Ted-Talk unterstützen den lebhaften Monolog, der alle möglichen Gedanken, postdramatisch verquickt mit Heutigem und in Jamben verpackt, in den Raum stellt. G wie geht ganz gut.”
Falter
“Gernot Plass mag vielleicht Gott sein, allmächtig ist er nicht. (…) Man fragt sich, warum das durch die Corona-Zeit wieder hoch aktuelle Thema der Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnis und des Bestreitens anerkannter Fakten im gesellschaftlichen und politischen Diskurs nicht mehr Raum einnimmt in dieser Variation über Herrn G., der das von der Kirche dekretierte Weltbild zum Einsturz brachte. Es bleibt bei ein paar Anspielungen. (…) Der Abend ist ambitioniert gemacht - und wirkt dennoch als rein theoretischer, weltabgehobener Diskurs.”
Salzburger Nachrichten
“Es sind düstere Zeiten für einen Wissenschaftler, dessen Methoden der herrschenden Ideologie widerstreben. (…) Ja, es geht um Kontrolle, darum, öffentlichen Diskurs, Debatte und letztlich Meinungen einzuschränken. (…) Es ist der rechte Text zur rechten Zeit – und eine sensationelle Performance von Georg Schubert, dem man Weltschmerz und innere Zerrissenheit in jedem Augenblick abnimmt. Es ist dem Abend zuträglich, dass er sich selbst nicht todernst nimmt. So lässt es sich lachen über all die Parallelen, die der Fall Galilei zur aktuellen Situation aufweist, auch wenn es einem hinterher kalt den Rücken hinunterläuft.”
Bohema Wien
“Applaus für das TAG unter Gernot Plass und allen voran für Georg Schubert, der alle Figuren unter vollem Körpereinsatz Gesicht und Stimme gibt. (…) Vor allem wissenschaftlich und theologisch-philosophisch Interessierte werden mit Anregungen versorgt.”
Sonntag
“Gernot Plass, literarisch pointiert schreibender Prinzipal des TAG (…) lässt seinen Helden an seltsam unvernünftig anmutenden Umständen, die seinen empirisch gewonnenen Erkenntnissen entgegenstehen, wortgewaltig verzweifeln. (…) Vier Bildschirme sind praktische Assistenten, auf denen immer wieder Schubert in diversen Rollen mit dem auf der Bühne real agierenden laut nachdenkenden Protagonisten interagiert. Es sind bescheidene Mittel, die jedoch große Wirkung hervorbringen.”
Kultur und Wein

Über die Produktion

In einem unbekannten, wilden Land, in dem man sich zu verirren droht, in der Mitte unsres Lebens vielleicht – in einem solchen Land, bedarf es eines Wegbegleiters. In offenen Ebenen, in flachem Gelände, in der klaren Mittagssonne benötigt nur eine einzige Personengruppe Führung: Blinde. „Wer aber Augen hat, körperliche und“ – wie ein italienischer Physiker des frühen siebzehnten Jahrhunderts es so treffend formulierte – auch „geistige, der soll sie sich zum Führer nehmen.“ Ja, der Physik im engen Sinne und im erweiterten Sinne „der Wissenschaft“ ganz allgemein, der sollte man schon folgen, ihr auch vertrauen. Sie ist der rechte Wegbegleiter in der Finsternis. Ihr Signum ist die intellektuelle Redlichkeit. Sie ist eben kein dunkles Dickicht, ausgekleidet mit verworrenen, jargon-geschwängerten Sätzen und sich spießenden Begriffen, unklaren und nicht überprüfbaren Zahlen. Sie ist eine Methode, eine Art und Weise, das Gespräch zu führen, eine Debatte unter Gleichen, unter „Peers“. Und diese „Peers“ sind angehalten, unsere Sätze zu hören, sie zu untersuchen, sie zu kritisieren. Und sie zu verwerfen, wenn sie auch nur im Kleinsten dieser Prüfung nicht standhalten: Stimmt das? Oder ist da etwas unscharf? Könnte es nicht gänzlich anders funktionieren? Haben wir hier ein Detail übersehen?
Wenn wir solche Fragen stellen, wenn wir solche Sätze, die von Wirklichkeit berichten, auf Wahrheit hin überprüfen wollen, dazu Versuchsanordnungen im Feld aufbauen, werden wir zu „Wissenschaftler*innen“. In ihrem Reich sind alle gleich. Wie sonst nur vor dem Gesetz des Rechtsstaates. Ein Bezirk des Lichts. Kein Titel, keine Approbation, kein Privileg ist hier ein Helfer. Wenn wir aber zum Zweck des Anscheins von Autorität, der Ergreifung von Macht, des Erwerbs von Prominenz und Reichtum sie missbrauchen, wird Wissenschaft zu sogenannter Wissenschaft. Eroberungsinstrument, Reichweiten ausdehnende Allüre. Zum Medium, die Wahrheit zu besitzen. Nicht mehr befragbar, nicht mehr kritisierbar, nicht mehr falsifizierbar. Im Gegenteil. Kritik wird dann der schlimmste Feind und dieser ist zu vernichten. Dann wird Wissenschaft zu orakelhafter, totalitärer Religion … Sätze werden als Erlass gesetzt, Gebote und Verbote von oben verordnet im Namen der Wissenschaft. Debatten erstickt. Prophetien vom Berge herab in Tafeln gemeißelt, der Herde als Grenze, Zaun und abgründige Drohung präsentiert. Ein Höllentheater, ein Endzeitgemälde, ein Steuerrad der Angst. Wir kennen Gott sei Dank diese „Wissenschaft“ aus der Geschichte und haben aus ihr gelernt. Das Ptolemäische Weltbild, der Aderlass, die Rassengesetze und, und, und … Trust science, don‘t ask.

Wer aber gegen ein Gesetz, gegen eine Verordnung, ein Dekret aufsteht, wer es kritisiert, wer diesem nicht gehorcht, wer es wagt, auch nur die leiseste Kritik zu äußern, oder eine Studie, die zu anderen Ergebnissen führt, veröffentlicht, wird verhöhnt, diffamiert, weggesperrt vielleicht oder/und verbrannt. Zur Zeit der Gegenreformation sogar tatsächlich. Dies wusste der oben genannte Physiker nur allzu gut und deshalb widerrief er seine von ihm aufgefundenen Beweise, unterwarf sich und ließ sich in seinen „Lockdown“ (Entschuldigung!) einsperren.

Der hier konzipierte Theaterabend ist eine Reise in diese Finsternis. Ein Wegbegleiter vielleicht. Gernot Plass ist ein trauriger Dionysiker und auch natürlich, wie so viele, eitel. Im Grunde aber hat er keine Ahnung von nichts. Woher auch? Außer vielleicht von Auftritten und Abgängen. Was, wann, wer und zu welchem Ziele auftritt und erscheint, beurteilt Plass nach den Kriterien des Theaters. Und das Theater bedeutet ihm die Welt. Eine vielleicht aussterbende Sichtweise. Oder auch nicht. Wer weiß das schon? Der Text, das Projekt, der Abend ist ihm und hoffentlich auch Ihnen, liebes Publikum, nichts anders als ein Gerät, ein Instrument zur Verbesserung der Sicht, ein Tele-, Mikro- oder Mundoskop. In jedem Fall ein Wegbegleiter. Trauen Sie ihm aber nicht.

Gernot Plass
Künstlerischer Geschäftsführer des TAG

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