Zur Saison

Sehr geehrte Damen und Herren,

I would prefer not to ...

Wir befinden uns in dem Zeitabschnitt, der früher als „Theatersaison“ bezeichnet wurde (oder auch als „Schuljahr“). Ja, wir sind immer noch da. Ja, wir bekommen Förderung. Ja, wir arbeiten. Ja, wir Kurz-arbeiten. Ja, wir spielen, soweit es die gerade geltende Verordnung uns erlaubt (Kurz-spielen). Ja, wir haben ein strenges Gesundheitskonzept, innerhalb dessen wir unser Publikum mit maskierten Gesichtern kontrollieren, abfragen, überprüfen, Tracking-Daten abmelken, um diese natürlich dazu zu benutzen, Kontakt mit ihm (dem Publikum) zu halten. (Wir wären ja blöd, wenn nicht? Oder?) Und ja, wir werden es (das Publikum) entlang eines Leitsystems bitten, Abstände einzuhalten, nicht vom Platz aufzustehen, nicht zusammenzurücken, nicht nach der Vorstellung zu bleiben und womöglich an unserer Bar noch ein Getränk oder ein Gespräch zu konsumieren. Und ja, wir werden es bitten, ganz generell Vorsicht walten zu lassen. (Stay save!) Denn man weiß ja nie. Das tun wir. Dies ist die Bedingung. Dies gilt. 

Doch wie lange noch? Wie lange soll das noch weitergehen? Wer ist wirklich dafür Experte? Experte für die eigentliche Frage: „Wann ist das vorbei?“ Die eigentliche Frage, die auf das Sein oder Nichtsein oder Bloß-Vorhanden-Sein des Theaters abzielt, in seiner tieferliegenden, energetisch waltenden Kraft der Zusammenkunft im gleichen (Innen-)Raum, im gleichen Schwingungszustand, lebendig (live) im gleichen Aerosol? Wer ist Experte für diese Zusammenhänge? Oder für jene, die hinter dem „Angeblich“, dem „Hoffentlich“ und dem „Wahrscheinlich“ sich verbergen? Wer ist der Tunnel-Licht-Experte? Fassen wir die eigentliche Dimension? Was ist die richtige Skalierung für das Problem, in dem wir uns alle wiedergefunden haben? Wer weiß darauf Antwort?

Und irgendwann werden wir unsere Abstände wieder reduzieren, uns umarmen, anatmen, miteinander lachen. Unseren Theatersaal wieder füllen ohne über angeklebte Baustellen-Absperrbänder zu stolpern. Irgendwann. Oder ...

Oder sind wir alle auf dem Wege, neue und normale digitale Bartlebys zu werden, welche in selbstgewählter Isolierung lieber verweilen und ein jeder sich sein eigenes „Amt für unzustellbare Briefe“ einrichtet?

I woud prefer not to...

Gernot Plass
Künstlerische Leitung