Zur Saison

Wo stehen wir? Jetzt? Heute? Was ist „der Zeiten Krankheit“? Was „das Gesetz, nach dem wir angetreten?“ Muss man noch Prophet sein, um allenthalben, in Politik, Ökonomie, Gesundheitswesen, Sicherheits- und Freiheitsdenken den enervierenden Umstand zu bemerken, dass wir in Ab- und Umbruchzeiten uns befinden, leben, weiter existieren? Unweigerlich.

Der Einzelne ist mitgerissen von titanischen Verwerfungen und sucht seinen Weg, seine Drift in und zwischen den wegbrechenden Schollen, Blasen, abgeschlossenen und sich selbst bestätigenden Untereinheiten der aus den Fugen geratenen Welt. Aber tun wir das nicht bereits seit Jahrzehnten? Haben wir es nur jetzt erst bemerkt? Jetzt wirklich? Endlich? War alles bisher nur Spiel? Thema? Plauderei und heiße Luft?

Was kann da das Theater? Helfen? Mahnen? Aufklären? Unterhalten? Fugenmasse reichen? Die Räume und die Mittel sind ja noch vorhanden, die Erinnerungen an die vollen olympischen Stadien, die Dionysien im März … Vielleicht ist eben die Theater-Bühne jetzt gerade und erst recht der Ort der Auseinandersetzung, der Debatte und der Fragestellung. Wer sind wir? Wie wollen wir miteinander leben? Unser Gemeinwesen organisieren? Wo beginnt, wo endet die Belastung, Belagerung, Bevormundung, Bestätigung?

Wir können es nur versuchen. Wir müssen uns viel vergeben. Freilich. Friedfertig bleiben, frohgesinnt. Einander zuhören und so manchen Widerspruch wohl ertragen. Es ist nicht leicht, diese Sätze zu formulieren, aber es ist mir, liebes Publikum des TAG, ein tiefes Bedürfnis, diese Ihnen an dieser Stelle mitzuteilen. Jetzt im Herbst 2021. Und natürlich spielen wir Theater! Wir versuchen es zumindest. Wir entwerfen Theater. Werfen es gut geplant, abgewogen und bedacht in die unsichere Zukunft. Ihnen, liebes Publikum, damit einen Ort des Zusammenkommens und der Reflexion und hoffentlich auch wieder des Gesprächs zu bieten, Dinge und Verhältnisse zu rücken und sich im Eigentlichen zu verständigen.

Den Auftakt schlagen wir im Oktober mit zwei Festen an, zum einen: das (alljährliche) MOMENT!-Festival des in unseren Räumen wahrlich gepflegten Improvisationstheaters, in dessen Rahmen aus dem europäischen Umland virtuose Könner*innen des Faches mit den ebenso gelenken heimischen Größen sich messen und Funken der Inspiration und Begeisterung entfachen werden zur Freude der Gekommenen mit ihrem unvorhergesehenen Spiel. Zum anderen erwartet uns die diesjährige Herbstpremiere, ein weiteres Fest. Oder sogar eine Party? ÖDIPUS – eine Kriminalkomödie. Eine Unternehmung, die zusammenfließt aus den Synergien und Sympathien von zwei in Wien beheimateten Theateransätzen. Alexander Pschill und Kaja Dymnicki, zwei der Leiter*innen des Bronski & Grünberg Theaters, leiten diesen Oktober gemeinsam bei uns das alte Spiel um den schicksalsverfangenen thebanischen König auf ganz eigene, neue und sehr witzige Art und Weise.

Dann geht es weiter mit dem aus dem Vorjahr nicht oder noch viel zu wenig Gesehenem: Ray Bradburys FAHRENHEIT 451, dem Dystopie-Brenner mit der zündenden Feuerwehr, inszeniert von Susanne Draxler. Wiederaufgenommen auch und im Freistilring: Edward Albees WER HAT ANGST VOR VIRGINIA WOOLF?, angeleitet von Susanne Litzow, und ICH, GALILEO, unsere Brausetablette im trüben Wasser der ewigen Wissenschaftsdebatten.

Weiter weg noch im Jahreskreis, aber umso vielversprechender meldet sich Sina Heiss mit ihrer Tschechow-Adaption DIE ÜBERFLÜSSIGEN, in deren Verlauf das Ivanow‘sche Weltgefühl plus der darin enthaltenen Neigung zur finalen Lösung auf der postdramatischen Bühne verhandelt wird und also wieder auf das Theater per se abzielt.  

Im Gedankenstrom, welcher in unseren neuen und normalen Zeiten überall zusammenläuft, um schließlich in die Kritik der transhumanistischen Vernunft zu münden, bewegt sich auch elegant Bernd Liepold-Mosser, der uns im Vorjahr noch seinen CYBORG SANDMANN dagelassen hat. Eine von E.T.A. Hoffmann weitergedachte Arbeit, welche noch nicht gesehen zu haben niemand etwas dafürkann. 

Und dann, last but not least, wird Georg Schmiedleitner endlich sein lange schon schwelendes HORVÁTH–PROJEKT bei uns realisieren, dessen ausholende Geste auch die alte Sozialdemokratie und die neue Linke vereinnahmt oder abräumt, sofern die das bis dahin nicht schon selbst erledigt haben.

Gastspiele und Ko-Produktionen erwarten uns: EIN BESCHEIDENERER VORSCHLAG nach Jonathan Swift im Stile der Buffon-Clowns von Thomas Toppler und ein ELFRIEDE-GERSTL-Abend eingefasst in einem fiktiven Radio-Studio mit zwei großartigen Kolleginnen, Johanna Orsini-Rosenberg und Martina Spitzer. Dazu FAKE OFF!, SPORT VOR ORT, TAGebuch SLAM und viel Musikalisches.

Alles in allem ein Programm, ein Spielplan, eine Saison. Glaube, Liebe und Hoffnung. Jetzt fehlt nur noch die Zeit und vor allem:  Sie, liebes Publikum! Aber es kann losgehen! Im Übrigen, unsere Vier-Geh-Regel ins TAG heißt: Es gibt ein fünftes Mal gratis! Also: Komm TAG!

Gernot Plass
Künstlerische Leitung