zum Inhalt springen zur Navigation

Die Blendung

Von Elias Canetti

Vorstellungsdauer
100 Minuten, keine Pause

Über Die Blendung

Die Liste der ungelesenen Klassiker ist lang. Die Liste derer, die es zu Unrecht sind, kürzer. Margit Mezgolich holt einen der größten österreichischen Romane des 20. Jahrhunderts aus diesem Schatten und bringt eine Fassung auf die Bühne des TAG, die ihren Fokus auf den skurrilen Humor und sein komödiantisches Potenzial setzt.
Das Fesselnde an Canettis Roman „Die Blendung“ ist weniger der Plot – die Geschichte eines weltabgewandten Privatgelehrten, der von seiner geldgierigen Umwelt ausgenützt, betrogen und schließlich zerstört wird –, als vielmehr Canettis über die Maßen groteske Figuren. Der Kampf, den diese miteinander führen, geht an und über die Grenzen des Wahnsinns. Sie alle sind sowohl erschreckend gewöhnlich sowie zur gleichen Zeit irrwitzig schräg.
Canetti zeigte die beklemmende Beschränktheit des Einzelnen auf seinen eigenen Horizont und die Unfähigkeit zu wirklicher Auseinandersetzung mit einem Gegenüber auf, lange bevor diese Phänomene aktuell wurden. Das daraus resultierende ständige Aneinander-Vorbeireden und die hohe Skurrilität der Figuren liefern Margit Mezgolich die Grundlage für einen grotesk-komischen Theaterabend, der uns gleichzeitig einen Erkenntnisschauer über die menschlichen Abgründe den Rücken hinunterjagt.

Team

Es spielen
Ausstattung
Alexandra Burgstaller
Dramaturgie
Tina Clausen
Licht
Hans Egger
Maske
Gabi Ofner, Beate Lentsch-Bayerl, Christina Wandl
Musik. Betreuung
Gerald Resch
Regie
Margit Mezgolich
Regieassistenz
Laura Tontsch
Technik
Jonas Herster, Andreas Nehr, Frank Fetzer
Text
Margit Mezgolich
Ton
Peter Hirsch

Foto-Galerie

Über die Produktion

”Weh mir! Mein Geist, vom Wunderlicht geblendet,
schwankt an des Wahnsinns grausem Hang umher!” Kleist

So unzählbar viele, schlaue Menschen, die im Laufe der Geschichte ihren Geist – was immer das auch heißen mag –, ihre Erkenntnis VON Welt, ihren Zusammenhang MIT Welt, auf Papier zu bringen, festzuhalten, gleichsam ihn zu bannen sich bemühten. Und so viele andere Schlaue wiederum, die aus diesen unzähligen Datenspeichern durch ihre Filter gesichtet diese Geister auferstehen ließen und sie wieder neu erschufen.

Mit Geistern lebt, wer Bücher liest. Bücher – das sind Übertragungsagenturen des Schon-einmal-Erkannten, des Schon-einmal-Gedachten und -Erfahrenen. Konglomerate von Begriffsangeboten, die man in seine Höhle schleppen, sie verzehren und verdauen kann. Mittel für den Feinstoffwechsel – zum Zwecke des Eigenaufbaus und der Eigenbildung. Oder einfach Zauberzeug. Herde, konterminiert mit ansteckenden Keimen. Brandgefährlich und gefährdet. Zündend. Geisterhäuser. Und sie können einen besessen machen. Diese Geister springen einen an, hocken sich einem auf die Schultern, lenken, reden einem in Stimmen den Kopf voll, setzen sich um oder „verzeichnen“ sich in geschriebene Worte.

Mit diesem Wort beschreibt Elias Canetti die frühe Genese seines epochalen Erzählwerks „Die Blendung“. Man beachte die Lichtmetapher, die der Hörmensch Canetti nach einigen früheren Versuchen als Romantitel wählte. Blindheit und Ausleuchtung von Finsterem vereinigen sich darin.
Die parabolische Hauptfigur des Romans ist „ein Kopf ohne Welt und eine Welt im Kopf“. Ein Büchermensch, ein Irrer, verflucht zur Infantilität und Besessenheit, unfähig zur Praxis, krankhaft selektiv in seiner Wahrnehmung, dementsprechend leicht einseifbar von niederen Interessensträgern. Ein Egomane namens „Kien“.

Kien – Harzreiches, zum Anfachen geeignetes, weil gut brennbares, kleingehacktes, aus Nadelbäumen gewonnenes Holz. Kienspan fängt Feuer. Ein Brand, der anstecken soll oder aber hoffnungslos ansteckend wirkt. Philosophisch übertragen und tatsächlich. Die Entzündbarkeit von Kiens Welt dringt schon mit seinem Namen zu uns durch.

Das hermetische Abschließen, das Verbarrikadieren, das Umhegen seiner so fragilen und beschützenswerten Welt: Die Bücher, 25.000 Bände. Dies also ist Kiens Kampf. Geist ist hierin eine Waffe – Bildung ein Festungsgürtel gegen das, was den für Canettis Werk in Folge noch so prägenden Begriff „Masse“ trägt. Tierhaft, unbewusst und roh, nicht geformt und ungebildet ist dieser Massenmensch. Vordringend und Breschen schlagend in die Buchwelt Kiens mit ihren aufgetürmten Regalwänden. Maßlos. Das heideggersche „Man“, der Mob, zusammengesetzt aus den Abfällen sämtlicher sozialen Schichten.

Canettis „Menschliche Komödie/Comedie humaine“ ist ein Sammelsurium von Fratzen, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, der Fetische und der niederen Bedürfnisse. Die hart konturierten, grotesk überzeichneten Figuren dieser Komödie agieren in jeder Hinsicht maßlos. Habgier und Irrsinn sind die treibenden Hauptmotive. Das Höllische der Seele tut sich auf in wenigen prägnanten Strichen.

Die Welt konzipiert als jener gemeinsame Daseinsraum, in dem Menschen redend sich begegnen und einander auch verstehen unschuldige Dimension, in der Kommunikation mit optimistischen Begriffen wie „Senden“ und „Empfangen“ beschrieben werden kann. Die gibt es nicht. Nicht in der Welt und der Zeit Canettis. Noch in unserer.

Wenn ich etwas sagen will, dann schreibe ich eine E-Mail, einen Tweet oder blubbere einfach drauf los. Wo ist denn das Problem? Genau hier: Es liegt in der dekonstruierten und in hunderte Relativitäten fragmentierten Wirklichkeit. Man blubbert nur mehr in seiner Blase. Dass die Welt heute so wahrgenommen und gedacht wird, liegt im hegemonialen Interesse. Die Schaum-Methapher von Gesellschaft verfängt. Ein jeder kann sich ja in seine Welt, in seine Nische zurückziehen. Zentrale Wirklichkeiten, so ein Befund Canettis, gebe es nicht, sie lägen vielmehr außen und sie sind viele. Verdammt viele. Peripherien sprechen in der Pluralform die Wahrheit. Davon war Canetti überzeugt. Das auch ist der Grund, warum Gestalten wie Kien, Therese Krumbholz, Fischerle et alii so prägnant und übersteigert erscheinen, weil eine jede in der Nische ihre eigene Maßlosigkeit ausformuliert. Dies ist der Befund. Dies ist das Heutige an Canettis Roman. Datenspeicher mag es andere geben. Zauberzeug. Was auch immer. Der Mensch hingegen hat sich kaum verändert.

Margit Mezgolich ist eine Illusionistin. Das Doppelbödige und das Vexierspiel ist ihr Instrument. An allen Enden ihrer Inszenierungen entstehen theatrale Blüten, die vermittelt durch den Zauberkasten ihrer Bühne den Fokus lenken. Man kommt nicht eine Minute in die Verlegenheit, den Blick in stereoskopischer Dissoziation zu spalten. Hier ist alles blendend gelenkt und gesteuert, um die Entstehung des Wahnsystems dramaturgisch behutsam aufzubauen. Man wird durch Lichträume, verborgene Klappen und Jalousien, die im richtigen Moment ihr Hinterleben enthüllen, in die verborgene Welt des Romans hineingeleitet.

Und diese besteht, möchte man meinen, nur aus Abgründen. Geführt an der Hand gerade einer Regisseurin lotet sich ein besonders tiefer, der Kien’sche Bocksgesang von dem von ihm so bezeichneten „Unwert der Frau“, doch sicherer aus. Oh du heilige politische Correctness! Was soll das denn? Zeigt uns diese Rede vielleicht, auf welch dünner Kruste der Errungenschaft, der Emanzipation und Gleichberechtigung der Geschlechter wir alle hier im „Westen“ sitzen? Eine Kruste, die sich über einen Riesenberg kulturgeschichtlicher Frauenfeindlichkeit spannt?

Sie wollen nicht, liebe/r ZuseherIn, wissen, was Buddha über Frauen sagte. Noch was Platon, Augustinus, Thomas von Aquin, geschweige denn der finstre Mohamed von ihnen hielt. Konfuzius schwieg lärmend von den Frauen. In seinen ganzen „dreizehn Klassikern“ kein Wort von ihnen. Hat man also Worte!

Ja, da ist vieles in der Geschichte, das man heute schwer begreift. Die Welt der menschlich geistigen Errungen- sowie Hinterlassenschaften. Sie ist ein Schatz sowie ein Pfuhl. Und geblendet und verblendet steht man da. Wo ist der Ausgang? Tja.

Wir wissen, dass wir gar nichts wissen. Die eigene Unbedeutendheit ist ohnehin erdrückend.

Gernot Plass
(Künstlerischer Leiter des TAG)

X
zum Inhalt scrollen