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Dorian Gray

Von Mara Mattuschka

Sehr frei nach "Das Bildnis des Dorian Gray" von Oscar Wilde

Eine Koproduktion mit The Practical Mystery

Vorstellungsdauer
120 Minuten, keine Pause

UA

Über Dorian Gray

"Angst ist ganz natürlich, wenn man das vielleicht teuerste Bild der Welt besitzt."

Von den verschiedenen Märkten der Welt, die für Außenstehende in ihrer Dynamik und Wirksamkeit undurchdringlich erscheinen, ist der Kunstmarkt vielleicht der undurchdringlichste. Was und wer bestimmt den Wert eines Kunstwerks? Ist es wirklich seine Qualität oder nicht vielmehr die narrative Inszenierung, die von den AkteurInnen mit Verkaufsinteresse vollzogen wird?

Mara Mattuschka hat sich Oscar Wildes berühmten Roman über ein Bild, das anstelle des darauf Porträtierten altert und dessen moralische Verfehlungen abzeichnet, als Inspiration für eine schwarze Gesellschaftssatire genommen. Sie erzählt die Geschichte dieses magischen Bildes im Heute weiter. Eine Wilde-Biographin glaubt bei ihren Recherchen in Wien das vermeintlich fiktive Porträt tatsächlich entdeckt zu haben. Das erregende Gerücht sickert in die Kunstwelt durch und löst dort einen irren Hype aus. Alle wollen dieses berühmt-berüchtigte Bild sehen und besitzen. Aber existiert es tatsächlich?

Mit der für sie typischen filmischen Herangehensweise mit schnellen Cuts, aber unter Verwendung von rein theatralen Mitteln und Kunstgriffen setzt Mattuschka die Sensationsgeilheit unserer Zeit und das rasante Entstehen von Gerüchten in Szene. So entsteht eine Satire voll Lügen, Intrigen und Verbrechen, deren Komik sich aus menschlichen Momenten der Schwäche, des Scheiterns und der Missverständnisse speist. Eine schwarze Komödie der Eitelkeit.

Team

Es spielen
Bühnenbild
Paul Horn, moritz m. polansky
Bühnentechnik
Andreas Nehr
Kostümassistenz
Angel
Kostüme
Peter Paradise
Licht
Hans Egger, Katja Thührriegl
Musik
Moritz Wallmüller
Regie
Mara Mattuschka
Regieassistenz
Sandra Moser
Recherche
Alexander Braunshör, Alexander Martos
Ton/Video
Peter Hirsch

Foto-Galerie

Kritiken

“Mara Mattuschka zeigt im TAG eine lustvolle Kunstmarktsatire sehr frei nach Oscar Wilde. Es hat etwas Boulevardeskes, wie die Figuren aufmarschieren, in Ohnmacht fallen, raufen und vögeln. Aber auch etwas Märchenhaftes: Mattuschka inszeniert flott und geradlinig, die leeren Bilderrahmen auf der Bühne erinnern an "Des Kaisers neue Kleider". Spuren zu Oscar Wilde lassen sich nicht nur in der beiläufigen Homoerotik ausmachen (die bei Wilde freilich viel vorsichtiger dosiert ist), sondern auch in der dekadent-schauerlichen Stimmung, die zwischendurch aufkommt (maßgeblich hier: Alexander Braunshör als elegante Lady Raffalovich). Sechs Darsteller wechseln lustvoll die Rollen, während sich ein heiterer Kunstkrimi entspinnt: sehr unterhaltsam.”
Die Presse
“Mattuschka schrieb und inszenierte eine sehr schräge, leider auch ein wenig unübersichtliche Komödie über das Verhältnis von Mensch und Bild, nicht ohne bissige Anspielungen auf die Absurditäten des modernen Kunstbetriebs.”
Kurier
“Dorian Gray. Die Auferstehung' heißt die Unternehmung und ist 'sehr frei nach Oscar Wilde'. So frei, dass gar nicht erst versucht wird, die Romanhandlung nachzuerzählen, sondern ein eigenständiger Kunstkrimi präsentiert wird. Ein Spin-off, in dessen Zentrum 'das Bildnis' steht. (…) Am Ende kommen Oscar Wilde und John Gray höchstpersönlich zurück, Zombies mit Stimmen vom Band. Eine Halloween-Komödie.”
Wiener Zeitung
“Mattuschka (...) baut in diesem Stück auf verschiedene Darstellungsformen: Die filmisch anmutende Hintergrundmusik, die mit Koffern versehene Treppe, ein großer Bilderrahmen als bewegbare Eingangstür und verzerrte Stimmen aus dem Off zeugen von der kreativen Vielfalt Mattuschkas, die sich zwar erahnen, aber nicht wirklich sehen lässt. (...) Schade, dass hier auf den Humor eines eher konventionellen Boulevardstücks gesetzt wird. (...) So gelingt dem Stück zwar keine bissige Satire oder großangelegte Konsum- oder Kunstkritik, aber zumindest ein zwischendurch unterhaltsamer Abend.”
Der Standard
“Was Mattuschka mit ihrer Paraphrase des berühmten Bildnis-Romans geglückt ist, ist eine grandiose Gesellschaftskarikatur. Eine skurrile Schlüssellochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt, Schlüsselloch, weil die Erbin nicht mehr als einen Blick durch dieses aufs Porträt erlaubt. Eine pechschwarze Boulevardkomödie über Sensationsgeilheit und Skrupellosigkeit. Ein Klamauk-Krimi, der Kuratoren, Konservatoren, Galeristen als perfide Geschäftemacher entblößt, während sich deren Schwindeleien-Schraube im typischen TAG-Stil in schwindelerregende Höhen schraubt.”
Michaela Mottinger — Mottingers Meinung
“Mara Mattaschuka, eine der bedeutendsten Avantgarde-Regisseurinnen und facettenreiche Künstlerin, inszeniert am TAG Theater Wien den 'Dorian Gray' Oscar Wildes in fulminanter Weise. Mattuschka katapultiert gleichsam das existentielle Herz des Romanstoffes in die Mitte der gesellschaftlichen Gegenwart und deren Konflikten und Herausforderungen in Erkenntnis, Wahrheit und Authentizität. Der Bilderrahmen, zentraler dramatischer Angelpunkt des Bühnenbildes, wird zur großartigen Projektionsfläche menschlicher Eitelkeit und Einsamkeit. Komödie und Tragödie setzt Mattuschka dabei variantenreich wie zielsicher. Die Übergange sind mit viel Aufmerksamkeit und Ansprache gesetzt und formen so einen Bühnendialog zu Kunst und Leben, der bis zum Ende unterhaltend wie tiefsinnig folgen lässt.”
Walter Pobaschnig — Literaturoutdoors.com
“Wie auch schon in ‚Die Inseln des Dr. Moreau’ setzen Mattuschka und das Ensemble auf oftmals bis ins Groteske oder comichaft übertriebene gezeichnete Bewegungen. Oftmals erstarren die Szenen auf der Bühne zu Tableaus. Die Leistung der Schauspieler sind, man kann es ohne Übertreibung sagen, durch die Bank grandios. Obwohl sich nach dem ersten Drittel eine kurze Phase der Ermüdung einstellt, geht es danach umso flotter dem Ende entgegen. Als BesucherIn erwartet einen zwei Stunden beste Unterhaltung!”
Sandra Schäfer — Kulturfüchsin.com
“Die vielseitige Künstlerin Mara Mattuschka hat das Potential erkannt, das für eine beißende Satire auf Kunsthandel und die damit verbundenen Umtriebe in ‚Das Bildnis des Dorian Gray’ steckt. Sie hat im TAG auch gleich selbst Regie geführt und ein amüsant böses (Spiegel-)Bild dieser Zunft rasant auf die mit Teppichen, Koffern und einem leeren Bilderrahmen ausgestattete Bühne gestellt. Das Ensemble dieses Theaters ist bekanntermaßen in der Bewältigung etlicher Rollen in einem Stück ungemein versiert.”
“Das TAG bleibt seiner Philosophie treu und legt klassische Werke aus neuer Perspektive auf. Diesmal wird aus dem Roman ‚Dorian Gray’von Oscar Wilde ein packender Kunstthriller, der genauso gut die Kinos erobern könnte. (…) Der großartige Humor von Mattuschkas Text kommt jedoch nicht nur durch Situationskomik und Medienkritik auf, sondern auch Dank der grandiosen Dialoge voller Wortspiele. Auch wenn die Spannung des Stückes in der zweiten Hälfte etwas abnimmt, besticht es insgesamt durch seine intelligente Unterhaltung. (…) Fazit: Hier passt alles: Eine packende Handlung, tolle Dialoge, offene und versteckte Kunst- und Filmkritik und ein grandioses Ensemble!”
Veronika Schneider — Neue Wiener
“Eines aber ist sicher: Wie Alexander Braunshör (…) die Figur der Eleonora Rafallovich gestaltet, ist es wert, sich um Karten zu bemühen. Jede Geste, jedes Augenrollen, jede indignierte Lippe sitzt perfekt!”
XTRA!

Über die Produktion

"Es ist nicht klug, der Welt das eigene Herz zu zeigen – und wie ernsthaftes Verhalten die Tarnung des Trottels ist, ist Narrheit … das Gewand des weisen Mannes. In solch einem geschmacklosen Zeitalter wie diesem brauchen wir alle Masken."
Oscar Wilde

Von der Wichtigkeit, ernst zu bleiben bei einer Annäherung an das dunkel-romantische Genre des "Gothic Horror", muss an dieser Stelle wohl nicht mehr geredet werden. Der kundige, eingeweihte Leser wird sich der symbolischen Ebene, welche die Hervorbringungen jener Literatur- und Dramengattung durchzieht, durchwegs im Klaren sein und schöpft gerade deshalb aus diesem trüben Becken reife Erkenntnisse. Hier ist nichts tatsächlicher Begriff – alles Symbol und Archetyp: Jeder Untote, jeder Zombie Zeichen der konsumistischen Vermassung des Menschen. Jeder Vampir aristokratischer Blutsauger und Investor, jede Bestie tiefsitzender Seelenanteil, Zähne, Messer, Kettensägen Sinnbild für die Technik oder wie es so schön im dunklen Philosophendeutsch heißt: für das "Gestell", für die prothetische Verlängerung, um das "Man" in der Gesellschaft herzustellen und das Dasein seiner "Eigentlichkeit" zu berauben.

So weit, so einfach.

Oscar Wilde gewann wieder einmal eine Wette. Ja, er konnte Romane schreiben, in kürzester Zeit. In wenigen Tagen. Wie langweilig auch! Am Heimweg von einer Porträtsitzung kam ihm der entscheidende, wenn auch wenig originelle Gedanke, die Leinwand als Sinnbild für die Seele zu fassen und das darauf sich "Bildende" als einen Speicherort moralischer Verfehlungen zu beschreiben. Eine faustische Figur inklusive mephistophelischen Beistands. Ein junger, sexuell äußerst attraktiver Mann besitzt ein Selbstbildnis, das alles Verworfene, Hässliche und Degenerierte seiner Existenz praktischerweise für ihn übernimmt und zu guter Letzt auch noch für ihn altert. Er selbst bleibt scheinbar ewig jung, schön und oberflächlich.

Ein hervorragendes Vehikel, die brennenden Themen von Moralität, Sinnlichkeit und Homosexualität im Viktorianismus mit der ihnen damals anhaftenden "Schauerlichkeit" zu bearbeiten. Ein wildescher Geniestreich. Der Name seiner Titelfigur war schnell gefunden: Sein damaliger Liebhaber John Gray, dem er wegen seiner an griechische Statuen gemahnenden Schönheit das Kosewort "dorian" zuwies. "Dorian" aber verließ Wilde und aus Liebe wurde Leid, aus sexuellem Spiel leise, sublime literarische Rache. Aus Ernst wurde Horror, aus John Gray wurde Dorian – "Dorian Gray". Aus dessen realer Grausamkeit wurde ein Zauberspiegel, ein fiktives Bild.

Mara Mattuschka ist eine Seelenbilder-Malerin und Tiefenschauerin. Sie ist immer auf der Suche nach dem Bild im Bild. Ihre Forschungsreisen in die Bilderwelt unternimmt sie in den scheinbar unterschiedlichsten Sparten. Der Malerei, dem Experimentalfilm, der Performance, dem Schaubild und -spiel, in der inneren Bilderwelt des Drehbuchs, im Bühnenbild und in der großen Kunst der Bühnenmalerei mit Zuhilfenahme kongenialer Menschen: der Theaterregie.

Wenn Mattuschka malt, sieht sie in der Leinwand eine Bühne, in die sie Gegenständliches imaginiert, wenn sie filmt, deutet sie sich diesen Vorgang mit flüchtigen Lichtmetaphern, der Projektor und der Pinsel gerinnen ihr dann zu einer Einheit. Und selbst das Schreiben ist ihr ein innerer bildnerischer Vorgang, während dessen sie Dinge zueinander setzt und auf Innenweltbühnen auftreten lässt.

Ihre Bilder sind immer, so die Künstlerin, auch performativ, ihre Performative, ihre Drehbücher und Texte immer auch in der Zeit sich ausbreitende Bilder. So ist ihr auch die Geburt des Theater aus dem Geiste des Lichts und des Bildes kein fremder Gedanke. Ihre Wahl des Dorian Gray Stoffes leuchtet also ein. Für den synästhetisch funktionierenden Mattuschka-Blick ist dieser Abend eine logische Folge und Fortsetzung ihrer Malerei mit anderen Mitteln.

Oscar Wilde – das Bildnis eines künstlerischen und nur künstlerisch leben wollenden Menschen, der einen hohen Preis dafür bezahlte, dies konsequent im Lichte eine bigotten Öffentlichkeit zu tun. Dieses Genie des Ästhetizismus projizierte ein Bildnis eines Bildnisses auf Romanbuchseiten, dessen Widerschein und Streulicht den Stücktext Mattuschkas erleuchten lassen, auf denen eben jenes Bildnis wieder Realität behauptet. Sie merken, wir befinden uns in einem Kaleidoskop. Doch bleiben wir ernst. Falten wir die Stirn über die an anderer Stelle schon ausgiebiger und gelehrter formulierte Kritik an der Katastrophe eines hypertrophen Kunstmarktes, der seine heiß gelaufene postmoderne, neoliberale Selbstbezüglichkeit nur im "Ausgestelltsein" begreift. Kunst kommt heutzutage längst nicht mehr von Könnerschaft, sondern ist das, was es als "interessant" vermittelt in die großen Messen und globalen Galerien schafft. Es braucht wie niemals zuvor den Hype, um als Kapitalanlage in einem gut verschlossenen Safe in Dubai zu landen. Das aufgeregte Geheimnis, das Versprechen des Profits.

Nun denn: Wilde hatte ein erotisches Verhältnis zu John Gray, dessen Porträt ihm einen Einfall bescherte. Jener John Gray, ebenfalls Schöngeist, später sogar katholischer Priester, lebte bis zu seinem Tode mit dem französischen Dichter Marc-André Raffalovich zusammen. Dieser wiederum hatte eine späte Großnichte, die es durch die Wirren der Nachkriegszeit justament nach Wien verschlug. Das Porträt von Gray jedoch machte diese Reise mit und existiert. Für den Raubtier-Kunstmarkt das schiere Fressen. Und hier schließt sich der Kreis zu Mattuschkas operettenhaftem Bildertheater. Mit ihrem scharfsinnigen Humor projiziert sie verschmitzt die Kehrseiten und Vorurteile, das Verhalten und unbequeme Wahrheiten der Gesellschaft zu einen Theater-Bildnis des Ernstes. Und das sollte wichtig sein.

Gernot Plass
Künstlerischer Leiter

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