zum Inhalt springen zur Navigation

Medea

Ich, ich, ich, ich!

Von Gernot Plass

Sehr frei nach "Medea" von Euripides

Vorstellungsdauer
95 Minuten, keine Pause

Uraufführung

Termine und Infos

Spielplan


  • Tickets

  • Tickets
  • Zusatzvorstellung

    Tickets
  • Europäische Theaternacht - Pay as you wish

  • Tickets

  • Tickets

  • Tickets

Über Medea

"Was? 'Ich bring sie um?' Mein Gott! Das wird man doch noch sagen dürfen!!!"

Wegen des großen Erfolgs wieder im Programm: der uralte und weltberühmte Mythos von der kindermordenden Barbaren-Prinzessin, von Gernot Plass für das TAG in eine aufregende Neufassung verpackt und in die Gegenwart verfrachtet.

Medea, die Entführte, Liebende, Betrogene und in die Verbannung Gestoßene, begibt sich auch bei Plass auf den blutigen Weg hin zu ihrer Rache. Themen der Kolonialisierung, der Ausbeutung, des Rassismus, unseres Umgangs mit dem Fremden bis hin zu Außenhandelsverträgen mit Entwicklungsländern klingen an. Aufbereitet in brutalen Konfliktdialogen entfaltet sich eine vielschichtige Handlung mit neuen Wendungen zu einem schauerlichen Vergnügen. Traditionell umrahmt immer noch von einem attischen Chor, dessen Bühnenkraft und epische Funktion genutzt wird, um das Geschehen zu kommentieren.

Gernot Plass erfindet einerseits einen völlig neuen Plot. Zum anderen startet er aber auch den Versuch, mit den Augen der tragisch gestimmten Griechen auf das verlöschende Feuer unserer Beziehungen, Ehen und Abschnittspartnerschaften der Jetztzeit zu blicken. Ein Rätsel, unbegreifbar, der Zerstörung anheimgegeben. Blut fließt. Götter werden angerufen. Leid und Gewalt reichen sich unter den Schreien des Entsetzens die Hand.

Ein Muss für alle, die den jahrtausendealten Kampf der Geschlechter auf den Feldern der Treue, der sexuellen Begierden, der Wünsche, Sehnsüchte und des Betrugs in den berühmten Szenen einer Ehe erneut und erneuert erleben wollen.

Team

Es spielen
Ausstattung
Alexandra Burgstaller
Bühnentechnik
Andreas Nehr
Licht
Hans Egger, Katja Thührriegl
Maske
Beate Lentsch-Bayerl
Musik
Dr. Plass, Dr. Plass
Regie
Gernot Plass
Regieassistenz
Renate Vavera
Regiehospitanz
Alexander Schlögl
Text
Gernot Plass
Ton
Peter Hirsch

Foto-Galerie

Kritiken

“Das TAG triumphiert mit Gernot Plass' Klassiker-Überschreibung – Das Spiel der Egoismen entgleitet, das Ende ertrinkt in Gewalt, Blut, Tod: Ein Schockmoment, der den Atem stocken lässt. Gernot Plass überschreibt die 'Medea' des Euripides zum heutigen Beziehungsthriller und inszeniert ihn explosiv und detailgenau (…) Im geheimen Mittelpunkt steht Lisa Schrammel als Elisa/Glauke: Sie ist die große Manipulatorin, wandelt sich von der begehrenden Tigerin zum doof-naiven Blaustrumpf und zurück, um ihre Interessen durchzusetzen. (…) Zurück bleiben zerstörte Leben. Die Wucht des Abends knüppelt nieder.”
Edwin Baumgartner — Wiener Zeitung
“Gernot Plass drückt zwar zu sehr auf die Ehehöllen-Taste, erlöst aber dafür die Figur der Kreusa aus ihrer Passivität und bürstet sie hoch zur infamen Intrigantin. Die Inszenierung gerät zum Duell der Frauen. Medea, eine frei nach Svenja Flaßpöhler "potente Frau", baut in expressionistischen Posen ihrer Opferrolle kräftig vor und macht auch ihre Ankündigung wahr, sich das Herz aus der ‘Hendlbrust ’ ihrer Feindin zu holen. Respekt.”
“Mix aus überdrehter Komödie und Mystery-Thriller”
Falter
“So bedeutungsschwanger die Eröffnungsszene, so locker, kurzweilig ja fast boulevardkomödiantisch gestaltet sich die Geschichte. Text, Regie und vor allem das Spiel von Michaela Kaspar (grandios wehrhaft als Medea, die hier Andrea heißt), Julian Loid (gekonnt pendelnd zwischen ein bisschen begriffsstutzig und feig in der Rolle des Jason alias Walter), Jens Claßen (nur ja auf seinen Ruf bedacht als Kreon/Peter) und Lisa Schrammel (mit dem eiskalten, nur spärlich verdecktem Zug zur Macht als Elisa, fallweise als Uschi getarnt/Glauke, Tochter von König Kreon) sorgen für so manche Sager und ‘Szenen’, die herzhaftes, mitunter bissiges Lachen förmlich zwingend hervorrufen.”
Heinz Wagner — Kurier
“Lisa Schrammel schlüpft in diese Rolle, der Charakter der Kreusa von Gernot Plass, wiewohl er die griechische Tragödie insgesamt auf ihre immer noch Gültigkeit abklopft und für gut befindet, der am meisten ins Heute gehievte, denn Elisa ist ein manipulatives, machthaberisches Upper-Class-Miststück fernab jeder Jungmädchenhaftigkeit, geschweige denn Mitmenschlichkeit. Es macht einen frösteln, wie Plass die Figuren zwischen TAG-typischem Geplänkel und aggressivster Kontroverse wechseln lässt. Seine ‘Medea’ ist ein entsetzliches Vergnügen, der irrwitzige Plot um Beziehungskisten angereichert um den Wahnsinn der Themen Rassismus und Xenophobie – ein Fazit zum Umgang der selbsternannten Ersten mit der sogenannten Dritten Welt. Die Sprache des Plass’ schen Textes ist stark, seine Umsetzung auf der Bühne intensiv, zwischen Gut und Böse sind die Figuren hier jenseits von … und das Publikum mal bitter lachend, mal betreten Innenschau haltend.”
Michaela Mottinger — Mottingers Meinung
“Fulminant mitreißend und pointiert. Das rasante Spiel des großartigen Ensembles mit enorm ausdrucksstarken mitreißenden Szenen zwischenmenschlicher Verzweiflung und Anklage packt das Publikum von Beginn bis zum dramatischen Höhepunkt intensiv. Ein Theaterabend, der mit dem antiken Dramastoff virtuos zu spielen weiß und die alltäglichen Masken unserer Zeit in Liebe, Freundschaft und Gesellschaft fulminant zerfetzt.”
Walter Pobaschnig — Literaturoutdoors
“Vor allem gibt es in dieser Neufassung kein schwammig-weiches Frauenbild mehr, wie es die Prinzessin Kreusa einst verkörpert hat. (…) Faszinierend, wie Gernot Plass als sein eigener Regisseur für die rund 100 pausenlosen Minuten von der ersten Sekunde an vibrierende Spannung erzeugt. (…) Da hat Michaela Kaspar eine Kraft im Toben, die schlechtweg bewundernswert ist. Aber Lisa Schrammel hält ihr mit der Kraft einer absolut skrupellosen Rücksichtslosigkeit stand. Sie ist ja eigentlich das gänzlich neue Element in dieser Medea-Paraphrase.”
Renate Wagner — Online Merker
“"Dass das alles mit einer gehörigen Portion an Humor – gespickt von Ironie bis Sarkasmus – geschieht, ist sowohl den geistreichen flotten Dialogen von Plass wie dem erneut unglaublich packenden Spiel des Ensembles zu verdanken. Es ist schon beinahe langweilig dies zu betonen: Vor allem Michaela Kaspar und Jens Claßen laufen erneut zur Höchstform auf. Ein durch und durch interessanter Abend, der von Emanzipation über Selbstermächtigung und Postkolonialismus bis hin zu Kapitalismus und Menschenrechten alles offenkundig anspricht. 100 Minuten geballte (Theater)Power.”
Sandra Schäfer — Kulturfüchsin.com

Über die Produktion

Am Anfang war der Mythos …

Medea, Jason, Kreon und Kreusa: Frau, Mann, Tochter, Vater. Diese Figuren, Paare, Namen und Funktionen sind eingeschrieben in unser tieferes Gedächtnis. Nicht nur, weil sie die ProtagonistInnen einer aus der Kindheit der Polis, der archaischen Vorzeit bekannten Erzählung, auch einer Tragödie sind, welche über die Jahrtausende sich erhielt und mit Schauer weitererzählt und immer wieder aufgeführt wurde, sondern weil wir selbst Anteil haben an einem tiefgründigen epischen Zusammenhang, der uns seelisch konstituiert und den wir "Mythos" nennen.

Ja – wir selbst oder ein archetypischer Anteil unseres Daseins räsoniert mit jener Wahrheit, die der Mythos für sich beansprucht und behauptet. Auch wenn wir davor zurückschrecken, unser oberes Bewusstsein sich dagegen wehrt und wir es nach all unseren vernunftbegründeten und moralischen Imperativen vielleicht ablehnen:

Ein Mann betrügt seine Frau – na gut. Verlässt seine Kinder – kommt vor. Wegen einer Jüngeren – typisch. Dies gefällt der Hintergangenen nicht – logisch. Worauf sie weggewiesen oder (gängigerer Begriff) "abgeschoben" wird – nicht schön. Danach sie wiederum die jüngere Konkurrentin und deren Vater mordet – abstoßend, jedoch nachvollziehbar. Doch dem nicht genug, sie hingeht und seine, also auch ihre Kinder, ihre eigenen Kinder tötet, um ihn zu treffen, zu vernichten, zu zerstören, ihn in seinem Elend zu zertreten. Das ist unerträglich. Das ist nicht nur unzivilisiert und barbarisch, das ist unmenschlich!

Ist es das wirklich?

Entsetzlich provokante Frage. Man halte sie aus. Ist dies unmenschlich? Oder ist dies innerhalb des menschlichen Verhaltensspektrums – wenn auch an seinem äußersten Rande – vorstellbar? Wie kann eine Mutter nur ihre eigenen Kinder …?

"Der Mann fürchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: Denn der Mann ist im Grunde der Seele nur böse, das Weib aber ist dort schlecht."

Nietzsches gefährliches Wort aus dem "Zarathustra" im Kapitel "Von alten und jungen Weiblein" ist nicht salonfähig (schon gar nicht in den korrekten modernen Diskursen), aber vielleicht bedenkenswert. Ist der Grund oder besser der Abgrund der Seele in eine weibliche und eine männliche Hölle unterteilt? Ist Jason böse? Medea schlecht? Jason ist erbärmlich und – ja auch – bedauernswert. Ein Abenteurer, Muskelprotz, den es durch die "schwarzen Wunderfelsen" des Bosporus’ in ein anderes Meer verschlägt, an dessen Küsten das reiche, barbarische Kolchis ihm eine nützliche und noch dazu erotisch begehrenswerte Beute beschert: Ein Prinzessin, die ihm und für ihn die Schmutzarbeit erledigt, die er mitnimmt, die ihn befriedigt, die er schwängert und die er bei nächster Gelegenheit aus karrieristischen Überlegungen und anders gerichteten erotischen Wünschen entsorgt, mitsamt den Kindern, welche er mit ihr gezeugt hat. Gedankenlos, sich keiner Schuld bewusst, ein Mann, der das Problem, das ihm die Frau ist, technisch zu beseitigen beabsichtigt. Ein böser Idiot. Mag sein.

Was aber ist Medea? Schlecht? Nein. Böse? Erbärmlich ist sie jedenfalls nicht. Wie sollen wir sie und ihre Tat bewerten? Entsetzlich? Unnatürlich? Beeindruckend? Beeindruckt sie uns nicht? Zeigt sie in ihrem kindesmörderischen Wahn nicht seltsame Größe? Der Mythos ist wie ein neckischer Gott am Wegesrand, der uns verschmitzt sein moralisches Gift reicht. "Hegt ihr trotz aller Entrüstung", so lässt er sich vernehmen, "mit dieser Frau nicht eine klandestine, verschwörerische Sympathie?" Erneut: eine unangenehme Frage!

Wie sollen wir Modernen sie uns beantworten? Vielleicht mit einer Gegenfrage: Ist Medea nicht eigentlich die schlechte und verhängnisvolle Verlängerung der jasonschen Bösartigkeit? Ist sie nicht nur Ausführungsscharnier einer zerstörerischen Maschinerie, Teil eines größeren Zusammenhangs, den man mit "schlechter Elternschaft" zu bezeichnen versucht ist?

Wir töten unsere Kinder. Wir töten sie in dem Maße, wie wir als ihre Eltern vor den Fragen, die das Leben uns stellt, jämmerlich zurückschrecken. Fragen, die zivilisierte Antworten verlangen und die wir wie barbarische Knoten barbarisch zerhauen. Fragen, an deren Höhe und Komplexität wir scheitern oder sie gar nicht erst bemerken.

"Oh Mensch! Du bist der Ausfluss einer ewig produzierenden Maschine! Männer, Frauen in verwirrter Wollust werfen Kinder, Kindeskinder in die Welt …"

Der Autor dieser Zeilen ist Vater, Ehemann und Mensch. Zumindest versucht er, die menschlichen Fragen entlang des Mythos, an dem er herumhäkelt, zu beantworten. Armselig der Versuch vielleicht. Und doch: Ein paar Maschen weiter gewoben am Gespinst, das zurückreicht hinter Euripides ins sechste Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung.

Die moderne Beziehung, die weibliche Emanzipation und Selbstermächtigung, der postkoloniale Hintergrund, der Kapitalismus, der Sozialismus, die Selbstbestimmung des Individuums, die Menschenrechte, die wissenschaftliche Aufklärung, die freudsche Enttäuschung, alles das gilt es mitzudenken. "Wie soll das alles noch im von den Dichtern hoch besung’nen Liebestempel enden?" Tja, "… wir sitzen in der Partnertherapie …", zumindest das. Und wählen uns Vertreterinnen und Vertreter, die gedeihliche Pflegschafts- Gesetze an uns zurückgeben, mit deren Hilfe wir unsere Kinder "töten".

Und sind wir nicht selbst getötete Kinder? Abgetötet? Abgerichtet? Hergerichtet von den Unseren und ihren Zusammenhängen, Institutionen, Staaten, Systemen? All unsere Möglichkeiten, all das Leben, das man uns versagt hat, dessen wir uns selbst berauben, indem wir uns den Gegebenheiten allzu früh und willfährig unterwerfen. Sind wir uns selbst denn gute Mütter, Väter?

Und diese Kinder – gibt es sie denn überhaupt?

Gernot Plass
Künstlerischer Leiter

Für die Presse

X
zum Inhalt scrollen