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Der diskrete Charme der smarten Menschen

Von Ed. Hauswirth

Vorstellungsdauer
110 Minuten, keine Pause

UA

Über Der diskrete Charme der smarten Menschen

Ausgehend von Luis Buñuels Film „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ hat Ed. Hauswirth mit dem TAG-Ensemble eine Salonkomödie über die Werte des kreativen Mittelstands einer heutigen Großstadt wie Wien entwickelt.

Welche Surrealität wohnt eigentlich unseren Wertvorstellungen und Verhaltensweisen inne? Wir, die wir nicht im Krieg waren, bevorzugt biologisch essen, für Pussy Riot auf Facebook posten und unser Geld mit einer einigermaßen erfüllenden Tätigkeit verdienen, gleichzeitig aber den größer werdenden Druck von außen mehr oder weniger erfolgreich verdrängen.

Die Grundsituation: eine Gruppe von Menschen, die sich regelmäßig zum Essen trifft. Narrative Elemente aus Buñuels Film werden in unsere Lebensrealität übersetzt. Originalzitate aus Interviews mit Menschen des kreativen Mittelstands stehen fiktiven Elementen aus alltäglichen Erzählungen, Gerüchten und Traumerzählungen gegenüber. Dabei sollen Antworten auf die surrealen Überhöhungen Buñuels aus einer gegenwärtigen Logik gefunden werden. Die gelebte Verbürgerlichung im Kontrast zum neurotischen Bedürfnis, Engagement zu demonstrieren. Ein Widerspruch? Nein – ein Versuch, das Lebensgefühl einer Generation darzustellen.

Team

Es spielen
Ausstattung
Alexandra Burgstaller
Chor-Arrangement
Andrés Garcia
Dramaturgie
Isabelle Uhl
Dramaturgiehospitanz
Alexander Tilling
Kostümbetreuung
Daniela Zivic
Licht
Hans Egger
Musik. Einstudierung
Andrés Garcia
Regie
Ed. Hauswirth
Regieassistenz
Renate Vavera
Regiehospitanz
Flora Lhotka
Technik
Andreas Nehr, Frank Fetzer
Text
Ed. Hauswirth
Ton/Video
Peter Hirsch

Foto-Galerie

Über die Produktion

Ein Tisch. Ein Essen. Darum Menschen. Leute, die sich wirklich sehr gut kennen.
Das Gespräch entspinnt sich. Einer nimmt daran nicht teil. Ist abwesend-anwesend. Denkt an seinen nächsten Gipfel. Will allein sein und hinaus in die Natur. Hinauf in dünne Luft. Auf Berge. Das Städtische, das Bürgerliche – alles das, was man so tut. Oder auch das, was man so tun sollte. Das, was sich gehört. Was alle machen. Alles das ist ihm ein Gräuel. Für sich sein. Seinen Weg gehen.

Hört man Ed. Hauswirth zu, wenn er über seinen Vater erzählt, dann verknüpft sich sofort Selbsterlebtes, eigenes Biografisches hinzu. Der Vater am Familientisch. Wer hat nicht diese Erinnerung? Ed. Hauswirths Vater war ein überzeugter und eigentümlicher Individualist und diesen Lebensbezug übertrug er garantiert auf seinen Sohn. Ed. Hauswirth, muss man wissen, ist heute einer der interessantesten Off-Theatermacher Österreichs. Seine Gruppe, das „Theater im Bahnhof“, die er seit mittlerweile Jahrzehnten leitet, hat internationales Standing und räumt nur so die Preise (darunter auch einen Nestroy) ab. Ed. Hauswirth ging auch bergauf. Einen eigenen und untypischen Weg. Vor allem für einen, der in Mooskirchen – einer kleinen, bäuerlichen Gemeinde in der westlichen Steiermark – das Licht der Welt erblickt hat.

Diese Stellung – nennen wir sie exzentrisch –, diese Herkunft, dieser gegangene Weg verlieh ihm ein geradezu philosophisches Interesse für und einen scharfen Blick auf die heutige Lebenswirklichkeit in der postmodernen, ästhetisierten und von Schuldgefühlen zerfressenen Welt der smarten, urbanen Mittelschichten. Unser aller heute gelebtes und geteiltes Biedermeier.

Menschen, die auf Politisches im direkten Sinne verzichten, um sich dem zu gelingenden Leben, sei es im Beruf und/oder im Privaten widmen. Menschen, die in der Öffentlichkeit keine Rolle spielen, die darauf bedacht sind, ihre Identität mit sich zu wahren, diesen Vorgang stolz hervorkehren, aber das Narzisstische daran nicht anerkennen. Und Hauswirth wäre nicht ehrlich, würde er nicht hinter jeden dieser Sätze ein: „Also wir!“ setzen.

Wir sind die Generation, die hedonistisch ihr Leben genießen will. Die ihr Unbehagen und ihr schlechtes Gewissen zwar zielgenau an zu kritisierenden Zusammenhängen festmacht, aber nicht politisch handelt. Ein bisschen Politik vielleicht – gut, doch erstmal essen. Engagieren? Ja freilich sollte man, sollte man …

Wir haben den Staat nicht so wie unsere 68er-Väter übernommen. Nein, wir haben im Gegenteil auf den Staat verzichtet und überlassen ihn den neoliberalisierten, flachen Sozialdemokratien, um von den verbiesterten Besitzstands-Konservativen zu schweigen.

Unsere Entscheidung, nicht Citoyen zu sein, sondern Bourgeoise ohne Geld, ist der Grund für das politische Elend der heutigen Zeit. Provokanter Gedanke? „Ja. Aber hat nicht Theater das Privileg, dass es was denken darf? Was probieren darf?“ Sagt Hauswirth und lächelt sehr sympathisch.

Was interessiert mich die Verbürgerlichung? Und wer war noch einmal Pussy Riot? Diese – ach ja, diese Punkrockgruppe! Kenn ich! Find ich gaaanz toll.

Wir wollen alles richtig machen, richtig meinen, richtigstellen, ethisch – na ja irgendwie gut sein. Aber ist das nicht ätzend langweilig? Willst du aufregend und ein Arschloch sein? Nein, sicher nicht!
Was tun? Nachdenken. Am Theater. Mit Theater.

Was also bereitet uns heute die Hauswirthsche Küche?
Sie greift zu einem Klassiker. Buñuel. Und kocht ihn nach. „Der diskrete Charme der …“ Halt! Hier ändert man die Zutaten zum Rezept. Der surreale Saft durchzieht, durchdringt noch immer unser Hauptgericht. Der Braten allerdings, der darin schwimmt, das Herzstück auf der Speisekarte ist nicht mehr die alte, fast schon ausgestorbene Bourgeoisie. Sondern – ein wenig leichter – das zarte Fleisch der Lebenskünstler, Erben, ethisch guten, smarten Bürger von heute und herauskommt …

Ein Tisch. Ein Essen. Darum Menschen.
Leute, die sich wirklich sehr gut kennen.
Guten Appetit.

Gernot Plass
(Künstlerischer Leiter des TAG)

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