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Kirschgarten

Eine Komödie ohne Bäume

Von Arturas Valudskis

Nach "Der Kirschgarten" von Anton Tschechow

Vorstellungsdauer
90 Minuten, keine Pause

Uraufführung

Premiere: Sa. 02. Feb. 2019, 20.00

Derniere: Di. 17. Dez. 2019, 20.00

Über Kirschgarten

“Sobald Sie sich für Sommerhäuser entscheiden, sind Sie gerettet.”

Ein gestörtes Verhältnis zur Wirklichkeit kann beängstigend oder komisch wirken. Ein Gefühl von Hilflosigkeit ebenfalls. Beides ist heute an der Tagesordnung. Allgemeine Verunsicherung liegt in der Luft und damit einhergehend der Wunsch nach Bewahrung des Vertrauten. Auch wenn die Welt sich ändert, soll alles eigentlich so bleiben, wie es immer war.

Das letzte Stück Tschechows, “Der Kirschgarten”, ist ein Meisterwerk dieser Menschen- und Weltsicht. Die ProtagonistInnen sind, wie zumeist bei Tschechow, verarmte Landadelige in der russischen Provinz und versprühen mit ihren Vorstellungen vom Leben und in ihrem gleichzeitigen Fernsein von Gestaltungsmöglichkeiten in der realen Welt die exemplarische Tragikomik des Festklammerns an einer Vergangenheit, die sich in Auflösung befindet.

Arturas Valudskis, der vor drei Jahren schon mit seiner feinsinnigen Tschechow-Interpretation von DIE MÖWE im TAG reüssierte, lässt nun den KIRSCHGARTEN über die Bühne gehen. Valudskis‘ Zugriff auf den Stoff ist ein radikaler. Er reduziert den Text aufs Wesentliche, indem er im Arbeitsprozess mit den SchauspielerInnen verschiedene Übersetzungen im Vergleich mit dem russischen Original auf ihren Treff- und Sinngehalt überprüft und sich gemeinsam auf die Suche nach den “richtigen Worten” begibt. Dabei hat der russophone Litauer ein besonders sensibles Gehör für den tschechowschen Witz. Bei aller Melancholie und Verlorenheit der Figuren wird Tschechows Spartenbezeichnung “Komödie” von ihm mehr als ernst genommen. Ein humorvoll-poetischer Abend über die Gesellschaft in einer Zeit des Übergangs.

Team

Es spielen
Ausstattung
Alexandra Burgstaller
Bühnentechnik
Andreas Nehr
Dramaturgie
Isabelle Uhl
Kostümbetreuung
Daniela Zivic
Licht
Hans Egger, Katja Thührriegl
Maske
Beate Lentsch-Bayerl
Regie
Arturas Valudskis
Regieassistenz
Renate Vavera
Textfassung
Arturas Valudskis

Foto-Galerie

Kritiken

“Arturas Valudskis und das Ensemble des TAG brillieren in Tschechows letzter Komödie – An Inszenierungen von ‚Kirschgarten’ (…) herrscht kein Mangel. Die Regie muss sich also etwas Besonderes einfallen lassen, um mit der (…) 1904 in Moskau uraufgeführten Komödie aufzufallen. Arturas Valudskis ist das auf positive Art gelungen. (…) Der Litauer hat den Vierakter äußerst klug auf 90 Minuten verdichtet. (…) Bravo! Lauter kleine Kunststücke, subtile Gesten und Musikalität. Das fein abgestimmte Ensemble weiß, wie es Emotionen weckt und bis zum großen Finale Spannung erzeugt.”
Die Presse
“Die makabre Stimmung im Kirschgarten (1904 uraufgeführt), der als Exempel für die veränderten Wirtschaftsbedingungen zu lesen ist, bringt Regisseur Arturas Valudskis im Wiener TAG nach klassischer Armes-Theater-Manier auf die Bühne: Eine Tür, ein Fenster und Stühle reichen aus, um das handlungsarme Familienzusammentreffen auf dem Gut in seiner absurden Unterfütterung zu zeigen. (…) Valudskis Reduktionskunst beglückt – wie schon bei der Möwe (2016) – mit herzhaften Momenten, einer Poesie des Stillstands voll absurder Kausalitäten und unheimlicher Geräusche.”
Der Standard
“Regisseur Arturas Valudkis filetiert Anton Tschechows ‚Der Kirschgarten’ und serviert seine Textfassung als endloses, übergangsloses Gespräch. Das sechsköpfige Ensemble übernimmt acht Rollen. Eine schwerfällige Gesellschaft von unverbundenen Individuen, alle ausgestattet mit eigentümlichen Ticks. (…) Mittels kleiner, feiner Körper- und Geräusch-Komik verlebendigt Valudskis die starren Zustände.”
Wiener Zeitung
“Etwas bang konnte einem mit Blick auf die für Tschechow lächerlich gering veranschlagte Aufführungsdauer von lediglich 90 Minuten werden. Konnte das gutgehen? Um es gleich vorwegzunehmen, es kann, und wie! (…) Dass Menschen aber der Zeit unterworfen sind und sich mit Veränderungen arrangieren können, macht das Stück auch dadurch klar, dass am Ende nicht Trauer um das Verlorene überwiegt, sondern Hoffnung auf das Kommende aufkommt. (…) Eine kleine kapitalismuskritische Volte schlägt Valudskis ganz am Ende aber doch noch: (…) eine ebenso komische wie inhaltlich erschütternde Schlussszene, in der noch einmal klar wird, wie eine Kultur immer wieder durch eine andere abgelöst wird oder wie das Nutzlose heute weggeschafft wird. Trotz Streichungen und Kürzungen ein großer Tschechow-Abend.”
Die Furche
“Derart fein gearbeitet ist der Witz, mit dem Arturas Valduskis seinen ‚Kirschgarten’ im TAG gestaltet. (…) Wie stets setzt der aus Litauen stammende Regisseur für sein schwarzes Theater, für sein – im Grotowki’schen Sinne – Armes Theater neben einer genauen Sprache auf die Körperpräsenz seiner Schauspieler. (…) Valudskis erschafft poetische Bilder. Er verzaubert Tschechow. (…) Eine Erinnerung ans Verlorenhaben. Das sind Momente, in denen Valudskis die Situationskomik und den Wortwitz innehalten und die Tschechow’sche Melancholie zu ihrem Recht kommen lässt. Behutsam, beinah nur im Unterbewussten, platziert Valudskis diese Botschaften. (…) Die Intensität, mit der das alles abläuft, ist hoch.”
Michaela Mottinger — Mottingers Meinung
“Derzeit ist ‚Der Kirschgarten’ gleich zwei Mal zu sehen: am Grazer Schauspielhaus und im Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße. Da wie dort hat man (…) die Geschichte rund um das verschuldete Landgut der Ranjewskaja auf eine abstraktere Ebene zu heben versucht. (…) Valudskis setzt auf Übertreibung, Slapstick-Einlagen und absurde Momente. Der uralte Diener Firs z. B. wird von einem betont jungen Schauspieler verkörpert (Raphael Nicholas brabbelt grandios). Warum Georg Schubert als selbstgefälliger Gajew aber eine Rede auf die Tür (statt auf den Schrank) halten lässt, bleibt unverständlich.”
Kurier
“Ein engagiertes Team spielt teilweise sogar akrobatisch und genau. Bei dieser flotten Inszenierung gibt es immer was zum Schauen. Der Star des Abends ist aber die Türe, die einfach so im Raum steht.”
WIEN LIVE – Das Stadtmagazin
“Was Anton Pawlowitsch Tschechow für mindestens zweieinhalb Stunden russischer Breite angelegt hat, schafft Arturas Valudskis im TAG locker in 90 Minuten und kommt dabei mit sechs Schauspielern aus, die einen guten Teil der 14 Rollen bestreiten. Es wurde einfach viel gescheites Gelaber gestrichen und die Ignoranz dem eigenen Untergang gegenüber betont. Dazu kommen Gags auf einem Niveau, wie man es vom TAG und seinen stets außergewöhnlichen Literatur-Bearbeitungen erwartet.”

Über die Produktion

„Ich verstehe nichts von Kunst. Ich bin ein Arzt.“ Anton Tschechow

Das Leben, so belehren uns bereits die Vor-Sokratiker, ist ein Werden, ein immerwährendes Voran, ein Fluss … es feststellen zu wollen, bekommt nicht. Ein beständiger und gleichsam perfider Wille zur Wandlung waltet mächtig unterhalb all unserer Vorstellungen, wie der Frankfurter Chinese Schopenhauer bemerkte.

„Ich arbeite an einem neuen Stück, in dem es um einen Kirschgarten geht! Hören Sie! Ein Kirschgarten! Und ich habe einen herrlichen Titel dafür! Einfach herrlich!“ Stanislawski sah nach dieser Eröffnung erstaunt den aufgeräumten Tschechow an und fragte geflissentlich: „Welchen denn, Anton Pawlowitsch?“„Der Kirschgarten!“, versetzte dieser und brach in schallendes Gelächter aus. Nicht eben originell, dachte sich der große Theaterleiter: „Kirschgarten?“ „Kirschgarten! Hören Sie dieses wundervolle Wort! Es kommt von –“, Tschechow machte eine Pause, „ – Kirschen!“ Und jetzt musste selbst der ernste Stanislawski lachen.

Tschechow labte sich geradezu am Titel seines Stückes, wiederholte ihn auf Proben immerzu, so als wollte er damit ein früheres, schönes, nun aber unnützes Leben liebkosen, das er selbst in diesem seinem Stück so rigoros mit dem Beil zerstörte. „Die Versuche, Tschechow an das Regiepult zu bekommen“, so erzählte es später Stanislawski, „scheiterten zumeist. Sah man ihn in der hintersten Reihe des Theaters sitzen, hätte man nie gedacht, dass dies der Autor des gegebenen Stückes sei. Hatte man ihn aber doch einmal nach vorne ans Regiepult gebracht, um ihm Bemerkungen und Ratschläge aus der Nase zu ziehen, fing er zu lachen an und seine Antworten glichen Worträtseln. Es war nicht aus ihm herauszubekommen, was ihn so erheiterte!“

„Ich habe doch alles geschrieben.“

Anton Tschechow verstand es wie kein anderer, die Stimmungen von Menschen wiederzugeben, in Szenen oft entgegengesetzten Charakters und mit einem feinsinnigen, unter allem liegenden Humor. Niemand konnte sich über die scheinbar traurigsten und langweiligsten Zusammenhänge so erheitern wie er. Das große Lachen der Welt, das Spiel, die Komödie des Ganzen – dazu hatte er einen verborgenen Zugang.

In dieser Komödie, seinem letzten Stück, das sich mit seiner Subtilität, mit seinem Empfindungsreichtum und seinem zarten Spott vor uns entfaltet, kann man es erlernen, die Welt mit Tschechows Augen zu sehen. Mit dem Feinblick des Narren, aber auch des Arztes, der er war, erkannte Tschechow, dass alles Leben, auch die noch so blühend frühlingshafte Jugend, unumkehrbar dem Tode geweiht war – und er lachte. Das Leben ist ein Narrenfloß. Wir alle reisen in das Unbekannte. Ist das nicht auch komisch?

Arturas Valudskis ist ein Reisender. Sein Morgenland liegt in diesem lachenden Theater-Moskau. Der 18-Jährige setzt sich noch in der Sowjetunion in einen Zug und fährt die über tausendKilometer aus Litauen zu seinem Sehnsuchtsort – ein Pilger in Theaterangelegenheiten –, nur um einer Aufführung von Ljubimow der tschechowschen „Drei Schwestern“ in einem der vielen Moskauer Theater beizuwohnen. Bei minus 30 Grad Celsius und ohne dass er Karten dafür hätte. Er stellt sich vor, dass er irgendwie durch den Kamin kriechen werde, um in das Gebäude zu gelangen. Nur durch einen Zufall erhält er tatsächlich Zutritt zu dem gefragten Ereignis, um dann zunächst im überheizten Raume vor Erschöpfung den ersten Akt zu verschlafen. Seither ist Arturas Valudskis in Sachen Tschechow hellwach. Seine sublimen Interpretationen, Umdeutungen und Neuinszenierungen blasen uns den leichten Geist dieser großen Komödien ins Antlitz. Obschon oder gerade weil er das gewagteste Spiel der Weglassung spielt.

„Streichen Sie!“ Anton Tschechow zu Konstantin Stanislawski

Freilich, dieses Stück spielt außerhalb der Zeit, tief in der russischen Landschaft, und wird bevölkert von seltsam leichten, verspielten und hoffnungslos naiven, untauglichen Menschen. Tschechows erste Absicht war es, erfahren wir aus Briefen, eben über diese Art der Lebensführung sich zu erheitern und sie ins helle Licht der Lächerlichkeit zu rücken. Und dennoch geriet ihm unter der Hand eine konservative Elegie um diese Menschen, die es nicht mehr gibt und nicht mehr geben wird und kann. Tschechows Großvater war im zaristischen Russland selbst noch Leibeigener und so können wir vermuten, dass viel Eigenes, Persönliches in die Figur des redlichen Lopachin einfloss. Einem elitären Haufen von untüchtigen Traumtänzern der alten Generation stellt er tüchtige Macher wie ihn gegenüber, die es nicht erwarten können, das Alte zu beseitigen, es auszureißen, es zu fällen und einem sachlicheren Formenkanon zu opfern.

Tschechow wollte keiner der in Russland sich bereits am Horizont fertigmachenden Weltverbesserer sein. Er war sogar durchgängig skeptisch gegenüber der Möglichkeit, Aufklärung oder – um noch weiterzugehen – soziale Reformen mit dramatischen Mitteln zu erreichen, nein, tief in seinem Inneren war er ein Liebender des Alten, des Gewesenen, des verfließenden Lebens und seiner eigenen Menschen. Denn sonst hätte er diese feingliedrigen Insekten mit ihren Hautflügeln nicht im Bernstein seiner Stücke erhalten.

„Tschechow“, das bemerkte schon Tolstoi, „ist ein Autor, den man immer wieder lesen kann!“ Und Tolstoi war nicht bekannt für Freizügigkeit, was Komplimente betraf. „Die Novellen und Geschichten haben mich zutiefst berührt.“ „Aber ihre Dramen“, so der große Mann zu dem Genannten nach einem Besuch der „Möwe“ im Moskauer Künstlertheater, „ihre Dramen! – Die sind ja noch schlechter als die von Shakespeare!“

Dieses Urteil sollte uns beschäftigen.

Gernot Plass
Künstlerischer Leiter

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