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Odyssee – Eine Heimkehr

Von Joachim Schloemer

Frei nach Homer

Vorstellungsdauer
ca. 85 Minuten, keine Pause

Uraufführung

Premiere: Mi. 13. Dez. 2023, 20.00

Die Odyssee wird immer als glorreiche Heldenreise erzählt. Aber was passiert, wenn der Held endlich – nach 20 Jahren und mit posttraumatischen Belastungsstörungen im Gepäck – nach Hause kommt? Was ist das denn noch für eine Heimat? Und wie geht es den Menschen, die all die Jahre auf Odysseus gewartet haben, mit dieser Rückkehr? Der Tänzer, Choreograph und Regisseur Joachim Schloemer und das TAG-Ensemble suchen spartenübergreifend nach Antworten.

Über Odyssee – Eine Heimkehr

Was ist Heimat? Vielleicht sowieso immer nur eine Illusion, ein Traumbild, an dem man sich gerade dann, wenn man weit davon entfernt ist, wie an einem inneren Anker festhält? Und was passiert, wenn man nach langer Zeit wieder in die Realität dieser Illusion zurückkehrt? Gezeichnet und geprägt von zahlreichen Erlebnissen und den Erfahrungen von Gewalt und Krieg. Wie reagiert man darauf, dass sich in der Heimat während der eigenen Abwesenheit vieles verändert hat? Dass man dort Eindringlinge und Kollaborateure vorfindet, dass andere die eigene Position eingenommen haben? Und wie geht es denen (zumeist sind es Frauen), die dort zurückgeblieben sind, sich ein anderes und vielleicht auch selbstbestimmteres Leben aufgebaut haben? Hat man gar keine andere Chance, als so zu reagieren wie Odysseus dies tat – mit erneuter Gewalt? In seinem Fall sogar mit einem Gemetzel?

Joachim Schloemer, Tänzer, freischaffender Choreograph und Regisseur für Tanz, Film, Oper und Schauspiel, nähert sich dem großen Mythos der Heimkehr des Odysseus in seiner ganz eigenen Herangehensweise und Ästhetik an. Wesentlich für Schloemers Arbeit ist es, aus dem Tanz bzw. dem bewussten Umgang mit Körperlichkeit heraus die verschiedensten Kunstsparten miteinander zu verknüpfen. In seiner Bühnenästhetik werden an diesem Abend eher Typen denn Charaktere auftauchen. Die fragmentierte und sprachlich leicht veränderte Fassung des 16. bis 24. Liedes der Odyssee bildet die textliche Grundlage des Abends. Die Fassung wird mit eingeschobenen Texten anderer Quellen verwoben und so neu interpretiert.

Ziel ist, das Thema Krieg aus der Perspektive der traumatisierten Heimkehrer in den Fokus zu stellen. Gibt es in der Mythologie das posttraumatische Stresssyndrom? Definitiv gibt dort die Rache der Göttinnnen und Götter. Vielleicht ist das ja ein und dasselbe?

Team

Es spielen
Text
Joachim Schloemer
Regie
Joachim Schloemer
Ausstattung
Anne-Sophie Raemy
Musik
Tom Schneider
Dramaturgie
Tina Clausen, Isabelle Uhl
Licht
Katja Thürriegl
Regieassistenz
Renate Vavera
Kostüm- und Requisitenbetreuung
Daniela Zivic
Tontechnik
Peter Hirsch
Bühnentechnik
Manuel Sandheim, Andreas Wiesbauer

Foto-Galerie

Kritiken

“Frei nach Homer schildert Joachim Schloemer in 'Odyssee – eine Heimkehr' den Zustand des Helden nach 20 Jahren im trojanischen Krieg. Der Choreograf und Tänzer hat für seine Inszenierung im TAG eine exzellente Choreografie geschaffen. (…) Schloemer verbindet gekonnt Elemente der antiken Tragödie mit heutigem Tanztheater. Das hat Sogwirkung. (…) Viel Applaus für eine denkwürdige, über die Zeiten gültige Reflexion über den Krieg.”
Kurier
“'Odyssee – Eine Heimkehr‘ im TAG: pointiert, anstrengend, lohnend. (…) Denn jetzt ist Gegenwart, jetzt wird erzählt, jetzt wird das Finale der Odyssee getanzt. Michaela Kaspar, Jens Claßen, Lisa Schrammel und Raphael Nicholas versetzen sich so wie Schubert abwechselnd in diverse Rollen, sogar in die des greisen Hundes („Wuff!“), erzählen nebenbei die Geschichte der bedrängten Frau und der dreisten Freier, des Sohnes, der glaubt, dass sein Vater nie ankommen wird oder will, die Ansichten der treuen Diener. Dazu tanzen sie im Takt, nach Maß und offenbar strengen Regeln. Das ist eine anstrengende Übung für das Ensemble, die es mit Bravour meistert. Sie ist auch anstrengend fürs Publikum, aber das Abenteuer lohnt sich.”
Die Presse
“Joachim Schloemer bewegt das fünfköpfige Ensemble ohne Pause. (…) Der Choreograf lässt die Darsteller:innen als flexiblen fünfteiligen Körper, der sich ständig verändert, agieren. Immer wieder ordnet die Figur sich neu, dehnt sich weit aus und schrumpft wieder zusammen, reiht sich in einer waagrechten Line, als Fünfeck oder erscheint als Kreis. (…) Während die einzelnen Übriggebliebenen im herrenlosen Haushalt ihre Erinnerungen und Meinungen ausbreiten, sind die fünf Teile des darstellenden Körpers in unaufhörlicher Bewegung. Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Georg Schubert brillieren durch deutliche Aussprache und physische Ausdauer und phänomenale Atemtechnik. (…) Schloemer lässt die jahrtausendealte Geschichte nicht einfach so stehen, sondern verortet sie im Heute.”
Tanzschrift
“Der deutsche Regisseur sucht Synergien, und wie gut das dem Theater tut, zeigt die aktuelle Premiere seiner Fassung ‚Odyssee – Eine Heimkehr‘ mit dem Ensemble des TAG. (…) Die Übersetzung von Schauplätzen, Konflikten und Stimmungen in abstrakte Gesten und Bewegungen erzeugt an diesem 85-Minuten-Abend durchgehend Spannung. So hat man das Ensemble selten gesehen: Als Bewegungschor, der sprechend wie tanzend einem strengen Rhythmus folgend den Text massiert. Wie eine Ulrich-Rasche-Arbeit in Lowtech. (…) Mit bemerkenswerter körperlicher Präzision agiert das Ensemble alle Aggressionen aus, die in einem Heimkehrer gespeichert liegen, aber auch die Aggression und Fremdheit, die diese Person auf sich zieht. (…) Diese Odyssee führt auf bemerkenswerte Weise, ganz ungekünstelt, aus der mythologischen Erzählung direkt in die Gegenwart. Chapeau!”
Der Standard
“Ein Hoch auf das Ensemble! Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel und Georg Schubert beweisen unglaubliche körperliche Kondition, werden ohne Kothurn und Maske zu griechischen Tragöden, die von Gewalt und Tod erzählen, die mit jedem Krieg verbunden sind und die imstande sind, die davon betroffenen Menschen in Bestien zu verwandeln.”
Kultur und Wein

Über die Produktion

Das Metrum. Das Sein in der Zeit, d.h. in der Welt des Werdens und des Wandelns, fordert von den Existenzen, deren oberflächlichen Ausdruck wir als Personen und gesellschaftliche Masken darstellen, Maß und Regel. „Metron“ und „Nomos“, wie diese im Altgriechischen bezeichnet wurden. Die „metronomische“ Subjektivierung oder die Unterwerfung der Leiber unter die natur- und sittengesetzliche Bestimmung ist unser Schicksal. Da müssen wir durch. Schuldig und verurteilt durch Geburt. 

Hier in dieser Welt gibt es die harten Sachen „im Raume sich stoßend“, aber freilich auch in der Zeit. Gegebenes Maß und Ziel und auch gegebene Regeln sind einzuhalten. Dies ist der alles durchdringende Lehrsatz der Antike. Einfach einzuhalten. Doch der moderne Mensch fragt sich sofort: Sind sie das? Und auch der tragische Held im mythischen Sinne empfindet diese stets als Zumutung und übersteigt handlungsauslösend gerne jene Grenzen. Der listige Held im Epos aber versucht, sie nicht zu durchbrechen, sondern auf sein Maß und sein Gesetz zurechtzubiegen.

Die Odyssee, die neben anderem als literarische Grundlage unserer westlichen Hoch- und Schriftkultur gilt, packt diese Tatsache in personam ihres Helden auf (so möchte man heute meinen) fragwürdige Weise an. Geschichtenperlen auf alter Schnur: Der raffinierte Schlaufuchs. Der in jede Grotte steigende, aber tief an Heimweh krankende antike Indiana Jones. Der listige „Niemand“, welcher Meeres-Ungeheuern, Nymphen und Kyklopen seine Regeln aufzwingt; Abenteuerfutter für viele Lese-Gefährt*innen.

Aber da ist auch die Heimkehr, jene in den hinteren Gesängen dramatische Zusammenführung aller Handlungsstränge, Ziel nicht nur des Helden, sondern auch der bis dahin mitgereisten Leser*innen. Il Ritorno: die Rückkehr in die vor Ewigkeiten verlassene heimatliche Gegend und Familienlandschaft – und um diese geht es hier.

Diese Heimkehr (oder besser Heimzahlung) ist getränkt mit rasender, roter Wut von Rache, Rausch und Wahnsinn. Gezeichnet von Blindheit, Erbarmungslosigkeit, von Mord und Verbrechen. Der Krieg in seiner Hemmungslosigkeit erhebt hier sein ekelhaftes Haupt erneut in der Gestalt des Rächers und wütet zuhause im heiligen Heim. Niemand wäre hier nach allen Regeln, auch des Krieges nicht, ein kombattanter Gegner. Nicht die Freier und schon gar nicht die Mägde. Hier werden entgegen aller sittlichen Gesetze Zivilist*innen abgeschlachtet. Werden Opfer einer durch Panik ausgelösten und in Blutrausch mündenden, völlig überzogenen Rache. Keine Gnade, auch nicht Bitten selbst des Sohnes und Verbündeten nach einer Waffenruhe werden erhört. Das Monster will die endgültige Lösung. Alles soll so wiederhergestellt sein, wie es früher auch nicht war. Und was, fragt man sich, soll dem Gemetzel folgen? Außer einer Einladung zur Assoziation mit Heutigem? Was? Was ist das Ergebnis solchen Tuns? Wie sollen solche Wunden heilen? Durch die erneute Vergewaltigung des Landes, der Menschen, der Generationenfolge, der Erinnerungen?

Joachim Schloemer ist feinsinniger Takt- und Regelgeber eines Vorgangs, der sich der Verweigerung des Wandels in der Zeit annimmt und diesen auf formal meisterliche Art und Weise thematisiert. Seine textliche und inszenatorische Versuchsanordnung zielt auf das Gefühl der Enge und der Unruhe, das einem nach langem Fortsein befällt im Angesicht der mit Vergangenheit und neuer Gegenwart getränkten, fremdbekannten Heimat. Es ist also im engen Sinne kein intellektuelles Vergnügen, sondern eher ein berauschendes, das durch Rhythmik, Zeitschlag und Takt eine Semi-Permeabilität im Empfinden der Zusehenden erzeugen möchte. Erleichtert wird dies freilich durch die großartige und unerbittliche Tiefensound-Atmosphäre von Tom Schneider und die Klarheit der Ausstattung von Anne-Sophie Raemy.

Man will an den Hautwiderstand, und darauf sollte man sich empfehlenswerterweise einlassen, um die rauschende und vorantanzende Spannung einzuholen, die der Abend und seine Choreographie vorgibt. Über tanzende Chöre der Antike wurde vieles bei weitem ausführlicher an anderer Stelle schon gesagt. Hier, liebe Zuseher*innen, finden Sie einen erneuten Versuch, dieser Form im modernen performativen Gewand gerecht zu werden. Mit dem gleichen Ziel einer, wenn auch kurzen, Einheit seelischer und körperlicher Schwingung durch die Mittel des Mitgefühls, des Schauers und der Resonanz. Zuhause ist dort, wo man noch nie gewesen ist. Wir erwarten Sie am andern Ende.

Gernot Plass
Künstlerischer Leiter des TAG

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